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Aller Anfang : [birth - Geburt - naissance - parto ; Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 10. April bis 6. Oktober 2002]
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Ute Moos und Verena Traeger

Gebären unter extrem( einfach) en Bedingungen

Den extremsten äußeren Bedingungen waren sicher Inuit-Frauen ausgesetzt. In arktischen Wintern, wenn das Leben aufdem zugefrorenen Meer stattfand, brachten Inuitfrauen selbstin Schneestürmen bei minus 50 Grad Celsius, zwischen Hun-deschlitten gekauert, ihre Kinder zur Welt. Inuit- Frauen warenaber nicht nur den härtesten klimatischen Bedingungen aus-gesetzt, auf einsamen Jagdreisen fehlten oft auch Frauen alsGeburtshelferinnen. Dann war der angehende Vater gezwun-gen, seiner Frau beizustehen. Oft wird berichtet, wie Männer,wenn keine Frau in der Nähe war, mit einem Gürtel derGebärenden beim Auspressen des Kindes helfen mussten,indem sie hinter der Gebärenden stehend den Gürtel aus Rob-benleder immer fester zusammenzogen( Freuchen 1961: 80;Gilberg 1984: 585; Jacobsen 1884: 294). Inuit- Frauen brachtenihre Kinder in vertikaler Stellung zur Welt, kniend, hockendoder stehend( vgl. zur Gebärhaltung weltweit: Kuntner 1985).

,, Eskimo Glossar ::: zum Glossareintrag  Eskimo women.... used to sit on their knees while givingbirth. If the woman was in a tent or a house when her timecame, she would most often dig a hole in the ground and placea box on either side of it to support her arms, and then let thebaby drop down into the hole. If she was in an igloo', the babyhad to be content with the cold snow for its first resting place.If the birth seemed to take long, the husband would very oftenplace himself behind his wife, thrust his arms around her, andhelp press the baby out."( Freuchen 1961: 80)

Bei den Iglulik in Nordkanada durchtrennte die Mutter dieNabelschnur mit einem Stück Feuerstein( Mary- Rousselière1984: 436). Die Polareskimo Glossar ::: zum Glossareintrag  Polareskimo in Nordgrönland bedeckten die

Nabelschnur mit einem Stein und befestigten sie mit Sehnen-faden( Gilberg 1984: 585). Viele Verhaltensregeln, vor allemSpeisetabus begleiteten darüber hinaus die Schwangerschaftund die Zeit nach der Geburt, die bei den Inuit, wie in vielenKulturen, eine sehr sensible Phase darstellte, denn das Blutder Frauen ebenso wie ein Abortus galten als unrein" undkonnten die Jagd, von der das Überleben der Gruppe abhing,verderben"( vgl. Gilberg 1984: 586; Kleivan 1984: 618; Mary-Rousselière 1984: 436; Saladin D'Anglure 1984: 496).

Unter günstigen Bedingungen waren Frauen als Geburtshelfe-rinnen zur Stelle. Bei den Quebec- Inuit standen Hebammen,Neugeborene sowie die Kinder, die unter Mithilfe derselbenHebamme geboren wurden, auch in einem besonderen ver-wandtschaftlichen Nahverhältnis( Saladin D'Anglure 1984: 494).Wenn möglich, wurde der Gebärenden auch ein eigenes Haus,im Winter ein Schneehaus, für die Geburt errichtet, was sienicht nur von den Jagdwaffen des Mannes entfernen sollte,sondern ihr auch einen Schutzraum innerhalb der Gesellschaftsicherte. Im Winter konnte frisches Wasser rar sein, da erst Eisoder Schnee geschmolzen werden musste und man dazu Tier-fett als Brennmaterial benötigte. So wurden Neugeborene oftmit Urin gewaschen und mit einem Fellstück oder Vogelbalgsauber gerieben. Dieses Fellstück bzw. der Vogelbalg konnteals wertvolles Schutzamulett aufbewahrt werden( Freuchen1961: 80; Mary- Rousselière 1984: 436). Vor allem der Urin eineralten Frau sollte dem Neugeborenen ein langes Leben sichern( Jacobsen 1884: 294).

Ihre ersten Lebensmonate verbrachten Inuitkinder nackt in denextra breit geschnittenen Fellkapuzen am Rücken ihrer Mütter.

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