Christine Binder- Fritz
Entbinden ader Gebären?Überlegungen zur geburtshilflichen Versorgungvon Migrantinnen in Österreich.
Einleitung
Der gestiegene Anteil an Migrantinnen und weiblichen Flücht-lingen, die in Österreich eine neue Heimat gefunden habenund hier auch ihre Kinder gebären, verlangt nach transkultur-ellen Ansätzen in der Schwangerenversorgung und geburts-hilflichen Betreuung. Die Frauen der verschiedenen ethni-schen Gruppen, die als Töchter, Ehefrauen, Arbeits- oder Hei-ratsmigrantinnen, Studentinnen oder weibliche Flüchtlinge insLand kamen, haben früher oder später den Wunsch nach Grün-dung einer eigenen Familie. Sie benötigen erhöhte Aufmerk-samkeit und transkulturelle Begleitung bis zur Geburt undwährend des Wochenbetts. Nicht nur sprachliche Barrieren,sondern häufig auch interaktionsbezogene Verhaltensweisenin der Schwangerenbetreuung, während der Geburt oder aufder Wochenbettstation können zu Missverständnissen führen,die mitunter fatale Folgen haben. Das Phänomen Geburt istimmer als bio- sozio- kulturelles Ereignis zu verstehen. Die Artund Weise zu gebären sowie der Umgang mit dem Geburts-schmerz werden maßgeblich von weiblicher Sozialisation undsoziokulturellem Milieu geprägt. Allerdings ist die einzelne Fraunicht nur durch ihre Sozialisation, sondern ebenso durch ihreBiografie geprägt. Daher hat jede Migrantin ihre individuelleLebensgeschichte, die ihre Schwangerschaft und Geburt be-trächtlich beeinflussen kann.
,, Culture is not one, but many"
Stereotypien und verzerrte" Fremdwahrnehmung prägen dasMiteinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen im All-tagsleben auch auf einer geburtshilflichen Station. Daher
kann nicht oft genug betont werden, dass Vielfalt, bzw. Diver-sität und nicht Einheitlichkeit innerhalb einer„ Kultur" herrscht( ,, diversity within") und es sich hier um heterogen zusammen-gesetzte Bevölkerungsgruppen handeln kann. Wobei mit demBegriff ,, Kultur" keineswegs ein starrer Rahmen für bestimm-te Verhaltensweisen zu verstehen ist, sondern es sich hierbeium ein dynamisches Konstrukt handelt, das sich den perma-nenten Alltagsanforderungen entsprechend immer wieder neugestaltet. Die Frauen können ihre Zugehörigkeit nach Nationa-lität, ethnischer Gruppe, einer bestimmten Berufsgruppe, Reli-gionsgemeinschaft oder einem anderen Kriterium bestimmenund zuweilen in Form ,, multipler Identitäten" leben.
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In der Türkei gibt es große regionale Unterschiede und mehre-re ethnische Gruppen. Frauen, die aus der westlichen Türkeiund den Hauptstädten kommen, haben zumeist eine gänzlichandere Lebensperspektive als Frauen, die aus den bäuerlichenGemeinschaften ostanatolischer Dörfer stammen. Keines-wegs kann also, wie im Klinikalltag oftmals üblich, generalisie-rend von den türkischen Frauen" gesprochen werden. Zwarkommt für die erste Generation der Zuwandererfamilien im all-gemeinen eher eine von patriarchalen Einflüssen, überliefertenreligiösen Werten und lokalen Traditionen geprägte hierarchi-sche Familienstruktur zum Tragen. Jedoch handelt es sich hierkeineswegs um eine homogene Gruppe. Erstens kann dasLeben von Frauen im Islam so unterschiedlich ausgestaltetsein, wie das in den verschiedenen vom Christentum gepräg-ten Ländern auch der Fall ist. Zweitens spielen Schichtzu-gehörigkeit, Bildungsstand, regionale Herkunft und ethnischeZugehörigkeit mitunter eine wichtigere Rolle als die Zugehörig-keit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft. Nicht zuletzt
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