Redaktion und einleitendes Statement: Theo Steiner
Vom Nutzen und Nachteil
der Humangenetik für das Leben
Auszüge aus Diskussionen vom SymposiumGenpool, Menschenpark, Freizeitkörper"( steirischer herbst, Graz 11.- 14. Oktober 2001)
Die humangenetische Forschung wird unser Verständnis dermenschlichen Natur, den Umgang mit menschlichen Körpernsowie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür nach-haltig beeinflussen. In 100 Jahren wird sich die Medizin wohl inetlichen Bereichen von der bisherigen Heilpraxis grundlegendunterscheiden. Schon die bisher realisierten Anwendungsmög-lichkeiten wie die In- vitro- Fertilisation, die Präimplantations-diagnostik sowie die pränatale Diagnostik für Föten im Mutter-leib zeigen weitreichende Konsequenzen- und dabei allerdingsauch eine Fülle von Konflikten. Die neuen Reproduktionstechni-ken für Befruchtungen im Reagenzglas etwa ermöglichen jenenFrauen und Paaren Fortpflanzung, die auf natürlichem Weg kei-ne Schwangerschaft erreichten. Die Gentests, ob nun ,, in vitro"oder in vivo", zielen auf Dispositionen, die zu bestimmten Er-krankungen oder Behinderungen in Relation stehen. Und durchdie Abtreibung von Föten mit solchen Dispositionen soll Leid derwerdenden Eltern oder Kinder verhindert werden. Doch kritischeEinwände gegen die neuen Reproduktionstechniken und das prä-natale Testen verweisen auf die dahinter steckenden Normenund Erwartungen. So wird problematisiert, dass werdendeEltern, vor allem die Schwangeren unter enormen Verantwor-tungsdruck geraten, nur gesunde" Kinder zu produzieren bzw.,, behinderte" nach entsprechenden Testergebnissen abtreibenzu lassen. Deshalb wird etwa befürchtet, dass die Bereitstellungvon Gentests die gesellschaftliche Ächtung von bestimmtenKörperschemata als behindert, nicht- normal, leidend oder Leidverursachend bestärkt und zu einer Eugenik ,, von unten" führt.Das Programm einer( gen-) technischen Unterstützung dermenschlichen Fortpflanzung verspricht gewissermaßen mehrgenetische Gerechtigkeit, indem bestimmte Zufälle ausge-
schlossen werden sollen. Doch was schuldet die Gesellschaftoder das Gesundheitssystem dem einzelnen Bürger als Grund-lage für ein gutes Leben? Sollen alle Menschen ein Anrecht aufeine gewisse, erst noch zu bestimmende Reihe von mensch-lichen Fähigkeiten haben- und soll umgekehrt das Fehlengewisser Fähigkeiten verboten sein? Die neuen Reprodukti-onstechniken sollen jedem Bürger ein hohes Maß an re-produktiver Freiheit garantieren: jede und jeder- nicht irgend-ein Kollektiv- soll bestimmen, ob sie oder er sich fortpflanzenwill, und wenn ja, mit wem und auf welche Weise. Doch wasvon all den verschiedenen Optionen ist überhaupt wünschens-wert und verallgemeinerbar? Wofür müssen juristische Rege-lungen gefunden werden und was kann getrost dem freienMarkt überlassen bleiben?
Am Beispiel der Gentechnik zeigt sich, was für die gesamteTechniksphäre gilt: Wer immer sich auf eine bestimmte Praxiseinlässt, hat sich damit auch auf alles eingelassen, was ausdieser Praxis folgt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt können daskomplexe Forschungsprojekt der Gentechnologie, seine aktu-ellen und zukünftigen Anwendungsmöglichkeiten sowie derengesellschaftliche Nebenfolgen noch keineswegs abschließendbeurteilt werden. Zweifellos handelt es sich dabei jedenfallsum eine Thematik, die mehr als nur unter die Haut geht. Diegegenwärtigen öffentlichen Diskussionen tendieren deshalboft zu pathetischen Beschwörungen eines Entweder- Oder:enthusiastische Prognosen werden mit schlimmsten Befürch-tungen konterkariert und umgekehrt. Im Sinne einer verant-wortungsbewussten Technikfolgenabschätzung sollten statt-dessen der prognostizierte Nutzen und die versprocheneDaseinserleichterung mit den unerwünschten Nebenfolgen,
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