Bernhard Hadolt
Erfahrungen mit In- Vitro Fertilisation
Frau Salzer- der Name wurde geändert- sitzt zum wiederhol-ten Male im Warteraum der Frauenklinik in einer der Univer-sitätskliniken Österreichs und wartet darauf, aufgerufen zuwerden. Jetzt um 11 Uhr ist in der IVF- Ambulanz, in der In- VitroFertilisationen durchgeführt werden, viel weniger los als früheram Morgen, und man muss sich nicht stundenlang bis zurKonsultation gedulden. Das würde Frau Salzer diesmal nurschwer ertragen, denn heute wird sich( wieder einmal) zeigen,ob es endlich geklappt" hat, ob ihr bislang unerfüllter Wunsch,schwanger zu werden, in Erfüllung gegangen ist. Dementspre-chend angespannt und unruhig ist sie. Während des Wartensauf den Schwangerschaftstest erzählt sie von den vergangenenzwei Wochen, seit drei Embryos in ihre Gebärmutter trans-feriert wurden. Sie berichtet von ihrer enormen psychischenAnspannung, dem Erfolgsdruck, der Verzweiflung und derAngst vor einem weiteren Fehlversuch; davon, dass sie sich beijeder Befindlichkeitsveränderung die Frage stellte, ob das nunals Zeichen für eine Schwangerschaft oder für eine drohendeMenstruationsblutung zu werten sei; von ihren Bemühungen,sich gegenüber den Nachbarn, Freunden und Verwandten, vondenen die meisten nichts von der In- Vitro Fertilisation wissensollten, nichts anmerken zu lassen. Um sich zu schonen undauch, um unerwünschten Fragen der Arbeitskolleginnen ausdem Weg zu gehen, hatte sie sich die letzten Urlaubstage ge-nommen, die sie noch zur Verfügung hatte. Ihr restlicher Urlaubwar schon für die beiden vorangegangenen IVF- Versuche auf-gebraucht, die erfolglos geblieben waren. Am schlimmsten indiesen beiden Wochen sei gewesen, dass sie praktisch nichtszur erfolgreichen Einnistung der Embryos hätte beitragen kön-nen als zu warten.
Frau Salzer ist 35 Jahre alt, ihr Mann 40. Vor einigen Jahrensind sie von ihrer Stadtwohnung aufs Land in ein Einfamilien-haus gezogen, das sie nicht zuletzt deshalb gebaut haben,um dem ersehnten Kind ein entsprechendes Heim bieten zukönnen. Von dort pendeln sie täglich etwa 40 Kilometer in dieGroßstadt, wo beide als SachbearbeiterInnen arbeiten. Seitelf Jahren sind sie verheiratet und bereits ebenso lange wün-schen sie sich ein Kind. Vor etwa fünf Jahren wandte sichFrau Salzer in dieser Sache erstmals an ihren Gynäkologen,nachdem das Paar jahrelang vergeblich versucht hatte, aufnatürlichem Weg ein Kind zu zeugen. Nach diversen Untersu-chungen bei Frau Salzer ergab schließlich eine Untersuchungdes Samens von Herrn Salzer( ein sog. Spermiogramm), dassseine Spermien so unbeweglich sind, dass eine erfolgreicheBefruchtung nur mit medizinischer Hilfe wahrscheinlich ist.Von allen Paaren in Österreich, die aktiv eine Schwangerschaftanstreben, ist das Paar Salzer laut Schätzungen von Reproduk-tionsmedizinerinnen eines von jenen etwa 15%, die ohnemedizinische Hilfe ungewollt kinderlos bleiben. Die biomedizi-nische Ursache dafür liegt zu ca. 40% bei Frauen: Verschlussder Eileiter, fehlender Eisprung oder andere Hormonstörungen,Veränderung der Gebärmutter etc. Zu ebenfalls ca. 40% liegtsie bei Männern; ein schlechter Samenbefund kann aus Infek-tionen des Genitaltrakts, Krampfadern im Hoden oder nacheiner Hodenentzündung durch Mumps in der Pubertät resul-tieren. Bei den restlichen 20% spricht man von idiopathischerSterilität, Unfruchtbarkeit mit unbekannter Ursache. Bei etwader Hälfte aller ungewollt kinderlosen Paare finden sich Ur-sachen bei beiden Partnerinnen¹.
113