Christoph Krüger
Die Fruchtbarkeitspuppen der Dowayo, Nordkamerun
Für den Liebhaber afrikanischer Kunst ist es verwirrend, dassdie Puppen, von denen hier die Rede sein wird, anscheinendzwei verschiedenen Ethnien zugeordnet werden. Die häufigereZuordnung spricht von Namchi- Puppen, aber auch die Dowayowerden in diesem Zusammenhang erwähnt. Beide Namen ste-hen jedoch für ein und dasselbe Volk. Als Dowayo bezeichnensich die Leute selbst, während der Name Namchi von den isla-mischen Fulbe herrührt, die ihre Sklaven so benannten.Das Wohngebiet der Dowayo liegt im weiten Umkreis von Poliin Nordkamerun und erstreckt sich westlich Richtung FaroFluss. Was vielen Völkern dieser Region gemeinsam ist- siewerden unter dem Sammelbegriff Kirdi zusammengefasst-sind die Fruchtbarkeitspuppen. Jedoch hat jede Ethnie eigeneFormen entwickelt. Sie reichen von Stabpuppen, die ihre phal-lische Urform noch erkennen lassen, bis hin zu kleinen men-schenähnlichen Figuren. Das häufigst verwendete Material fürdiese Puppen ist Holz, aber es gibt auch Maiskolben-, Kno-chen-, Ton-, Wachs- und Perlen- Puppen. Allen gemeinsam ist:es sind Fruchtbarkeitspuppen und kleine Heiligtümer der Frau-en. In einigen Fällen können Puppen- dann in einfacher, meistschmuckloser Ausführung auch Spielpuppen der Mädchensein. Die in ihrer Originalität herausragenden und ansprechend-sten Puppen haben die Dowayo geschaffen.
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Die Puppen sind breitbeinig und kräftig. Die Grundkonzeptionist bei allen gleich. Vom stabförmigen Körper stehen im rech-ten Winkel Arme und Beine ab, die nach einem scharfen Knickin den Ellenbogen- und Kniegelenken dann wieder parallel zumKörper verlaufen. Auf dem oft überlangen säulenförmigen Halssitzt ein eher kleiner, entweder schematisierter, manchmal
aber auch recht naturalistisch ausgearbeiteter Kopf. Eingesetz-te Perlen kennzeichnen die Augen, und oft ist am Kopf nochein Haarbüschel aufgeklebt oder durch die Löcher eines Kam-mes hindurchgezogen. An den Armen sind Lederschnüre mitPerlen und alten Lochmünzen aus Nigeria befestigt. Das Auf-fallendste an den Puppen ist eine feste Perlenumwicklung umden Körper, die sehr oft auch die Arme mit einschließt. Trotzder vielen Perlenketten bleiben die Puppen eher flach, ebentragbar. Sie werden wie ein richtiges Kind in einem Umschlag-tuch am Rücken der Frau getragen.
Schon der überreichliche Schmuck an den Fruchtbarkeitspup-pen sollte zu denken geben. Man kennt das Schmücken vonMasken, Figuren und Puppen. Es werden da und dort eineKette, ein paar Kauris, Ringe und Glöckchen angehängt, aberbei diesen Puppen geht der Schmuck doch weit über dassonst übliche Maß hinaus. Deutlich wird hier die Beziehung zueinem religiös rituellen System. Aus diesem möchte ich vorallem jene Beobachtungen herausgreifen, die in irgendeinemZusammenhang mit den Fruchtbarkeitspuppen stehen oderzum besseren Verständnis derselben beitragen. Die umständ-lich wirkenden Erklärungen der Dowayo weisen darauf hin,dass jedem Element im Kult mehrfache Bedeutung zukommt.Stets erscheint jedes Element auch in einem anderen Zusam-menhang. Das Kultgefüge ist gleichsam gallertartig oder ver-netzt, nichts ist klar begrenzt, und das Einzelphänomen ent-zieht sich einer exakten Definition wie wir sie uns wünschen.
Das wichtigste Anliegen einer agrarischen und Viehzucht trei-benden Bevölkerung ist die Fruchtbarkeit. Die Felder sollen
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