Christine Binder- Fritz
,, Papa tu- a- nuku, das Land, die Erde
nährt uns wie eine Mutter"
Geburt in der Mythologie und zeitgenössischen Kunstder Maori Neuseelands
Einleitung
Im Zeitraum 1989-2001 verbrachte die Autorin im Rahmen vonethnomedizinischen Forschungsarbeiten zur reproduktivenFrauengesundheit insgesamt 21 Monate bei den autochtho-nen Maori in Neuseeland. Die dabei vor allem mit den Ältestenaus verschiedenen Stammesgruppen aufgezeichneten narrati-ven Interviews bilden den Hintergrund für diesen Beitrag. Diereligiös- weltanschauliche Sichtweise der indigenen Bevölke-rung zum Thema Geburt kommt hierbei zur Darstellung. Nuretwa 13% beträgt der Anteil der Maori in der Gesamtpopulati-on Neuseelands derzeit. Damit stellen sie eine ethnische Min-derheit im eigenen Land dar. Im Zusammenhang mit der ritu-ellen Bestattung von Plazenta und Nabelschnur ist das Themader traditionellen Landrechte von Bedeutung. Durch die euro-päische Landnahme gingen große Gebiete an die Weißen ver-loren. Daher stellen Vertreter der verschiedenen Stammes-gruppen seit Jahren Kompensationsforderungen an die neu-seeländische Regierung. Das teilweise gespannte Verhältniszwischen den beiden Bevölkerungsgruppen wird durch dieseDiskussionen zusätzlich strapaziert. Mit dem Land und seinenGewässern haben die Maori nicht nur ihre Wirtschaftsgrund-lage, sondern zudem den spirituellen Rückhalt mit ihren Ahnenverloren. Das Wiederaufleben der rituellen Bestattung vonPlazenta und Nabelschnur im Rahmen einer allgemeinenKultur- Renaissance" ist daher auch im Kontext mit diesempolitisch sensiblen Themenbereich sowie den Bestrebungeneinzelner Maori Gruppen nach politischer und kultureller Auto-nomie zu interpretieren.
Geburt im Schoße der Natur
Gebären und geboren werden sind weit mehr als nur physio-logische Vorgänge, denn mit der Geburt ist nicht nur derAnfangspunkt für eine einmalige individuelle menschliche Exis-tenz gesetzt, sondern auch der Fortbestand der jeweiligen eth-nischen Gruppe gesichert. Das traditionelle vor- europäischeGeburtssystem der Maori beinhaltete daher auch eine Reihevon sozialen und religiös- ideologisch begründeten Verhaltens-maßnahmen, die dem Schutz des mütterlichen und kindlichenLebens diente. Geburt wie Tod galten als„ Übergang" undwaren in ein Set von Verhaltensregeln aus dem herrschendensozio- religiösen„ System von Mana und Tabu" eingebettet.Wegen der Separierung von Bereichen, die unter Tabu stan-den, konnte die Geburt daher auch nicht in der Wohnhütteerfolgen( Binder- Fritz 1996).
Die werdende Mutter verließ einige Tage vor der Niederkunftin Begleitung weiblicher Verwandter ihre Dorfgemeinschaft,um in einer eigens dafür konstruierten einfachen Laubhütteaus Ästen und Zweigen ihr Kind zu gebären. Solche einfachenGeburtshütten wurden im Stammesgebiet der Te Arawa wharekohanga ,,, Nesthaus" oder whare whanau,„ Geburtshaus" ge-nannt. Der blanke Erdboden wurde mit geflochtenen Mattenbedeckt. Weibliche Verwandte leisteten Geburtshilfe und stan-den genauso wie die Gebärende unter einem temporären Tabu( Best 1929). Die Geburt erfolgte in aufrechter Gebärposition,zumeist in hockender oder knieender Stellung, wobei dieKreißende von den Geburtshelferinnen gehalten und gestütztwurde. Die Massage von Abdomen, Lumbal- und Glutealregi-on sowie die Anwendung von Heilpflanzen war üblich. TratenGeburtskomplikationen auf, wurde die mythologische Frauen-
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