Ute Moos und Verena Traeger
Zur Entstehung der Welt und zur Geburtvon göttlichen und menschlichen Wesenin Schöpfungsmythen
mit Beispielen aus Afrika, Asien, Amerika,Australien und Europa
Die Vorstellungen von der Entstehung der heutigen Welt, ihrerOrdnung und den auf ihr lebenden Menschen, Tieren undPflanzen sind so vielfältig wie die einzelnen Kulturen selbst.Mit diesen unterschiedlichen Arten„ auf die Welt" oder" in dieWelt" zu kommen bzw." wie die Welt zur Welt wurde"beschäftigt sich dieser Artikel. Die Schöpfungsgeschichtenunterschiedlichster indigener Kulturen zeigen, dass die Schöp-fung und damit aller Anfang selten mit dem absoluten Nichtsbeginnt, sondern dass in der Regel schon etwas vorhandenwar, zum Beispiel ein großes Wasser, die ewige Finsternis, einunendlicher Himmel oder unsterbliche Wesen, die sich ihrerExistenz nur noch nicht bewusst waren.
Im Mittelpunkt der afrikanischen Mythologien steht der vonden Schöpferkräften gezeugte, geformte oder hervorgerufeneerste Mensch, die Art wie er auf die Erde kam, wie er lebteund was er erlebte. Mythen von der Entstehung des Himmelsund der Erde, der Gestirne und anderer spiritueller Wesenhei-ten spielen eine eher untergeordnete Rolle( Baumann 1936: 1).Als Ursprung der Welt wird, je nach Kultur, Erde, Wasser oderauch ein Weltei angenommen. Der Mensch entsteht aus Ton,aus Holz oder kommt aus dem Himmel, dem Wasser, ausHöhlen, Felsen und Bäumen( vgl. Baumann 1936). In Afrika gibtes drei weitverbreitete Varianten, wie der Mensch auf die Erdekam, die alle drei in der Mythologie der Ewe an der WestküsteAfrikas vorkommen. Hier schuf die Gottheit Mawu die Men-schen und die Welt. Am Anfang war überall Wasser, das sichteilte und die Erde freigab aus der wiederum die Menschenkamen. Eine andere Menschenart kam an einem Seil aus demHimmel geklettert, um Getreide zu stehlen und wurde dabei
ertappt. Bis heute formt Mawu Menschen. Dazu benötigt erdie Kinnlade eines verstorbenen Familienmitgliedes und Töp-ferton für die Muskeln und das Fleisch. In Miniaturform wer-den sie von ihm in die Körper der Frauen geschickt, um gebo-ren zu werden( Baumann 1936: 136).
Eine Bön- Schöpfungsgeschichte aus Tibet wiederum sprichtvon einem vorzeitlichen König, der die fünf Lebensessenzen insich barg und behütete. Doch der Herr der Beschwörungen"erlangte diese Elemente, verleibte sie sich ein, und mittelseines Machtwortes entstand der Wind. Aus dem wirbelndenWind entstand das Feuer. Kalter Wind und heißes Feuererzeugten Tautröpfchen, die winzige Materieteilchen trugen.Diese Partikel flogen mit dem Wind davon und nach einigerZeit formten sie einen Berg. Auf diese Weise wurde die Welterschaffen. Aus den fünf Lebensessenzen entstanden aberauch zwei Eier, ein helles und ein dunkles, aus denen weitereGottheiten entstiegen. Darunter kam aus dem hellen Ei ,, DerKönig der wirklichen Welt" und„ Die Mutter aller Dinge aufErden", die weitere Gottheiten hervorbrachten. Aus dem dun-klen Ei entstanden alle Übel der Welt und die Dämonen. Eineandere Variante erzählt von einem muschelweißen Ei, aus demder ,, König des ewigen Wunschgebetes" geboren wurde, derSöhne und Töchter hatte. Einer dieser Söhne hatte wiederumneun Söhne, die in dieser Erzählung als göttliche Urahnen derHimalayavölker angesehen werden( vgl.Gruschke 1996: 24-29).
Die chinesische Weltentstehung nimmt vom Chaos ihren Aus-gang, beschrieben als grosser Ball von Wasserdunst. In dieserUrzeit formten sich die Geister der fünf Grundkräfte und es
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