Bernhard Kathan
Lost in Space:
Schwangerschafts- und Geburtsbilder in Videoclips
Unsere Welterfahrung verdankt sich nicht zuletzt der Schwer-kraft. Vom Boden stoßen wir uns ab, von ihm erheben wir uns.Menschen mit einer beschädigten Identität hätten, so sagt man,den Boden unter den Füssen verloren. Es fehlt ihnen an Halt. Inden frühen Science Fiction Filmen bewegen sich die Menschenin den Raumschiffen, als seien sie auf der Erde. Unter dem Ein-druck der ersten Raumflüge und der Mondlandung hat StanleyKubrick in 2001 mit solchen Kulissenwelten gebrochen und denReisenden im galaktischen Raum den Zustand der Schwere-losigkeit abverlangt. Eine Stewardess bewegt sich durch dieGroßraumfähre, ohne wirklichen Kontakt zum Boden. Ihr Be-mühen, den Kontakt zum Boden nicht völlig zu verlieren, erfor-dert Anstrengung. Der einzige Passagier ist in seinem Sitz fest-geschnallt. Er schläft. In einer mühevollen, aber doch leichtenGeste fängt sie seinen Kugelschreiber, der sich selbständiggemacht hat und zwischen den Sitzreihen schwebt, und schiebtihn zurück in die Brusttasche des schlafenden Reisenden. Einefast zärtliche Geste, doch der Reisende bemerkt es nicht. Ineinem Videoclip von Touch and Go versucht eine junge Frau wiedie Stewardess in Kubricks Großraumfähre den Kontakt zumBoden nicht zu verlieren:„ I am nervous if you are around. I findyou very attractive. Would you go to bed with me?"
Ist die Schwerkraft aufgehoben, drohen wir in einen embryona-len Zustand zurückzufallen. Nicht zufällig begegnen wir nichtnur in 2001, sondern auch in Ridley Scotts Alien Bildern, die aufdie Geburt oder die Gebärmutter anspielen. Während in 2001ein Sternenkind geboren wird, brüten die Männer in Alien inihrem Leib ein Ungeheuer aus, nennen die Astronauten denComputer, der die Technik überwacht ,,, Mutter", das Komman-dozentrum wirkt wie eine Höhle, ein Nest oder eine Art Mut-
terschoß. In Massive Attack's Videoclip Tear Drop schwebt einEmbryo in einer Fruchtblase mit trübem Fruchtwasser. Dascomputeranimierte Geschöpf singt mit kleinen Lippenbewe-gungen und reduzierter Mimik. Es könnte auch durch den Ster-nenraum schweben. Videoclips sind voll von ähnlichen Bildern.Das Gefühl von Schwerelosigkeit empfinden wir vor allem imWasser. Der Swimmingpool zählt zu den wichtigsten Orten derVideoclips. Es sind vor allem Frauen, die im Wasser schwebenund Luftblasen aus Mund und Nase hochsteigen lassen.Manchmal treiben sie wie die Cellistin in Robert Altmans ShortCuts leblos an der Wasseroberfläche. Aus dem Rauch, dereine Seifenblase füllt, kann sich eine Frau formen, die in einerBlase zappelt und zuckt. Die Blase treibt im Wasser. Die Nabel-schnur fehlt. Ungeschlechtliche Fortpflanzung.
Ohne Wasser gäbe es kein Leben. Wasser ist aber auch einbedrohliches Medium. Der Swimmingpool ist einer der klassi-schen Orte des Kinotodes. Wasser bezeichnet die Nähe vonGeburt und Tod. Heute läse sich das Ende von Brian Jones, derim Swimmingpool ertrank, anders. Zu den Uterusbildern istauch der schwerelose Raum des Alls zu zählen. Neben MichaelJackson und anderen begegnen wir hier auch Herbert Gröne-meyer. ,, Ich dreh' mich um dich", singt er. Es fragt sich, wo dieNabelschnur bleibt; offensichtlich klappt die Telefonverbindungnicht. Dort, wo sie klappt, ist sie gestört: ,, I am sorry to inter-rupt your conversation, but we are experiencing violent stormconditions in the asteroid belt in this time."
Mit Hilfe des Computers lassen sich Wasserwelten auchaußerhalb des Wassers inszenieren. Die Sängerin kann erst ander Zimmerdecke, später durch die Häuserschluchten derStadt schweben. Der Bildschirm scheint sich in eine Art Aqua-
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