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Aller Anfang : [birth - Geburt - naissance - parto ; Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 10. April bis 6. Oktober 2002]
Entstehung
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Rosemarie Burgstaller

Der kleinste gemeinsame Nenner.Künstlerische Positionen zwischen Computercodeund DNA

I.

Mit der Entdeckung der Methode, die Formeln von Leben"aufzuschreiben und zu verändern, wird der Mensch am Anfangdes 21. Jahrhunderts zu seinem eigenen Architekten und kannbeginnen genetische Codes zu manipulieren und zu reprodu-zieren. Die Beherrschung der Natur, gekoppelt mit der Visiondes Designs von Leben, wurde zwar in Kunst, Philosophie,Wissenschaft und Politik von je her entworfen, ist aber in Wirk-lichkeit ein utopisches Unternehmen geblieben. JüngsteErkenntnisse der Biowissenschaften werfen diesen Diskursheute in ein Feld völlig neuer Parameter. Bisherige Wertvor-stellungen sollen verlassen werden und neue Werkzeuge dasBild vom Menschen bestimmen. Die Genetische Revolution"ist eine Revolution der Spezialisten mit weitreichenden Aus-wirkungen auf die Gesellschaft. Die von der Life Science"verkündeten Optionen bewirken offensichtlich eine Lähmung,aus der sich bisher eine kaum ausreichend differenzierte Dis-kussion entwickelt hat. Die Aussicht auf ein besseres Leben,auf die Fahnen der Medizin gezeichnet, verschleiert das Auf-geben gültiger ethischer Werte. Zwischen therapeutischemKlonen der Ersatzgewebemedizin und reproduktivem Kloneneines Menschen ist bloß ein kurzer( ideologischer) Weg pro-gnostiziert.

Die Kunst hat sich an die Fersen dieses Prozesses geheftet. Inihr liegen große Potenziale, einen Diskurs zwischen Operatorund Individuum auszuloten. Die Fusion der Naturwissenschaftmit den Informations- und Kommunikationstechnologien in derBiotechnologie macht den Einsatz digitaler Operationssystemefür die künstlerische Arbeit zu einer Grundlage. Ein wesent-

liches Moment findet sich im Aufbau von kritischem Bewusst-sein, Sensibilität und Sprache für eine absehbare Neubestim-mung unseres So- Seins.

II.

1787 schrieb Johann Wolfgang von Goethe: Die Urpflanzewird das wunderlichste Geschöpf von der Welt über welchesmich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell unddem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen insUnendliche erfinden(...). Dasselbe Gesetz wird sich auf allesübrige Lebendige anwenden lassen." 1 Diese Pflanze wäre eineEinheit, die sich durch Reproduktion ihrer selbst zu einer,, Mehrheit", aber gleichzeitig durch Subordination zu einerneuen, höheren Einheit gestaltete. Goethe griff darin eine seitdem Altertum tradierte Vorstellung auf und nahm an, dass dieNatur nach einer Idee", also dem von Platon abgeleiteten Prin-zip der Einheit in der Mannigfaltigkeit", verfährt. Die Suchenach der Idea" oder dem allem Lebendigen zugrundeliegen-den Muster" scheint spätestens mit der Begründung derGenetik 1906 durch William Bateson und der Definition desGens" als Einheitsfaktor" durch Wilhelm Johannsen 1909mit den Naturwissenschaften in zielgerichteten( materialisti-schen) Bahnen zu laufen. 1953 konnten James D. Watson undFrancis Crick mit dem Modell des molekularen Aufbaus dersogenannten ,, DNA- Doppelhelix" die Frage nach der Entitäteines Gens beantworten. Mit der Identifizierung der DNA setz-te ein Prozess der Entschlüsselung sämtlicher Gene vomFadenwurm zum Menschen ein, der sich im Wettkampf derMolekulargenetiker potenziell beschleunigt. Im Juni 2000wurde im Weißen Haus- als Medienereignis ersten Ranges-

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