Birgit Heimbach
Judith Samen- Schwangerschaft, Geburt und
Wochenbett im Blick einer zeitgenössischen Künstlerin
Als sie 1996 ihr erstes Kind erwartete, befestigte JudithSamen wenige Wochen vor der Geburt einen Kuchen an einerWand und inszenierte davor ein Selbstporträt. Dieses Fotozeigt sie unbekleidet am Tisch sitzend, entspannt und etwasverträumt. Tisch und Rückwand sind mit Stoffen in erdigen Far-ben bedeckt. Die braunen, runden stilisierten Blüten der Tisch-decke harmonieren mit dem knusprig braun gebackenenKuchen an der Wand und mit den großen, stark pigmentiertenBrustwarzenvorhöfen der Schwangeren. Frappierend ist ihreformale Ähnlichkeit. Das Bild wirkt wie gemalt, farblich ist allesaufeinander abgestimmt. Es hat eine schöne, feinsinnige Aus-strahlung und erinnert an die alte Tradition der Tafelbilder.Zugleich wirkt der Kuchen an der Wand befremdend. Manfragt sich, warum er dort hängt. Von dieser Frage ist mangefesselt und schaut immer wieder hin. Man möchte mehrüber dieses Bild wissen, das den mageren Titel trägt:„, 1996,C- Print, gerahmt, 112 x 155 cm".
Die Kunsthistorikerin Martha Wilmes- Siebert hat sich Gedan-ken zu dem Bild gemacht:„ ,, Der runde Lebkuchen ist verhält-nismäßig groß, durch den Gärprozess aufgegangen, rissig. Dieunsichtbare Befestigung lässt ihn vor dem Hintergrund schwe-ben, was ihm zusammen mit der frontalen Präsentation undseinem Ort im Bild fast schon eine Aura verleiht, ohne, dass eraufhört, ein Lebkuchen zu sein, eigentlich ein alltäglichesGebäck, assoziiert mit Weihnachten, süß, nahrhaft, schwer.Kompositionell ist er auf die dargestellte Person bezogen, undjetzt verweist er auch über formale Entsprechungen auf dieBrustwarzen der Schwangeren. In dem Moment bringt mandieses Arrangement mit ihrem Körperleben in Verbindung,
einem Körper, der sich- weg von der gewohnten Identität-ausgerichtet auf seine biologische Funktionalität dramatischverändert." Martha Wilmes- Siebert betont dabei, dass die Fraunicht animalisch im Körperlichen aufgehe. Der in die Ferne ge-richtete Blick sei erwartungsvoll, gespannt.
Die Assoziation mit Weihnachten liest sich schön. Allerdingsführt sie wohl ein bisschen weg von der eigentlichen Bedeu-tung um Weihnachtsgebäck handelt es sich hier nicht. Eshandelt sich eher um einen gewöhnlichen, knusprig gebacke-nen Kuchen, der sich symbolisch nicht auf ein bestimmtesFest oder eine Jahreszeit bezieht, sondern Metapher ist für dieSchwangerschaft. Es ist sozusagen ein Mutterkuchen.
Diese Interpretation wird anhand eines weiteren Bildes vonJudith Samen noch deutlicher. Dieses ebenfalls irritierendeund fesselnde Foto( ,, 1996, C- Print, gerahmt, 112 x 178 cm")zeigt sie wiederum als Schwangere- bekleidet nur mit einemkomischen, handgenähten Cord- BH. Sie sitzt vor einer Wandmit einer Blümchentapete im Stil der 50er Jahre. Ihr unerklär-lich starrer Blick geht erwartungsvoll in die Ferne. Diesmal liegtein Kuchen vor ihr auf dem Tisch, direkt auf der Tischplatte,ohne Kuchenteller. Judith Samen erklärt:„ Es ist ein Mutterku-chen, den ich mir selbst gebacken habe." Beim Backen expe-rimentierte sie, um die gewölbte Form hinzubekommen.„ DieForm des Kuchens nimmt die Form des Bauches auf und ver-weist so darauf, was innen passiert: Ernährung und Fürsorge."Judith Samens Backwaren erinnern an die Volksweisheit, dassFrauen, die schwanger sind oder werden wollen, gern backen.Sie geben den Teig in eine Form, dann in den Backofen und ach-ten darauf, dass er in der Wärme schön aufgeht und wächst,
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