Piera Maghella
Wie ich mir die Geburt vorstelleZeichnungen von 10jährigen Kindern
Als Geburtsvorbereiterin war ich immer der Meinung, dass dieVorbereitung auf die Geburt für die Frau und das Paar weit,weit vor der Schwangerschaft beginnt; in Wirklichkeit beginntsie mit dem persönlichen, familiären und sozialen Gepäck, daswir hinter uns her tragen; dem System der Konventionen, der,, Gestalt", die wir in uns tragen; dem inneren Panorama undden inneren Bildern; der„ Bank der Erinnerung", die wir erhal-ten haben durch:
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Unsere Tausende von Genen und Erinnerungen, unserWissen, das von Generation zu Generation, seit demAnfang aller Zeiten, weitergegeben wurde
die Erfahrung des intrauterinen Lebens( auf der Ebenevon Wahrnehmung und Beziehung, physisch und emo-tional) und der Geburt( auch als vom Kind erlebt)die Geschichten, die von der Mutter und den Ver-wandten erzählt und manchmal beschworen wurden,und deren soziokulturellem Hintergrundunseren kulturellen Kontext, durch Medien, Bücher,Comics, Sexualunterricht in der Schule, Werbung etc,gemeinhin übliche Aussagen und Vorstellungen überdie Geburt. Das soziale und kulturelle Bild von Geburthat einen großen Einfluss auf unsere Erwartungen, Bil-der, Wahrnehmungen, wie wir den Geburtsvorgangerleben und verarbeiten.
So entstand die Idee des Projektes, 10jährige Kinder in derGrundschule zeichnen zu lassen, wie sie sich die Geburt vor-stellen. Die Forschungsarbeit begrenzte sich auf Kinder dieserAltersgruppe, da wir für die kleineren Kinder keine Erlaubnisder Familie eingeholt haben.
Wir haben ungefähr 200 Zeichnungen in vier verschiedenenStädten gesammelt: in Bologna und Modena 1989, in Genova1995 und in Brescia 2001. Das Thema wurde unvermitteltgestellt: Es durfte keine inhaltliche Vorbereitung von Seiten derFamilie oder der Lehrer während der Durchführung geben. DieLehrer durften in keiner Weise auf etwaige Fragen der Kinderzur Klärung oder Präzisierung eingehen. Man wollte sichergehen, dass das Material unbeeinflusst reflektierte, wieviel dieKinder schon von der dominierenden Kultur aufgenommen hat-ten. Sowohl beim Zeichnen als auch bei den verbalen Äuße-rungen reagierten die Kinder mit großer Spontaneität.Das Malen gehört zu den frühesten spielerischen Aktivitätendes Kindes, der sprachlich Ausdruck zeigt seine affektive undkognitive Entwicklung. Die Zeichnung projiziert die Inhalte dereigenen Innenwelt, indem sie Gedanken, Gefühle und unbe-wusste und unvermittelte Zusammenhänge ausdrückt undsymbolisiert. Mit der Zeichnung drückt das Kind zuerst expres-siv aus, was es fühlt und weiß, und in weiterer Folge reprodu-ziert und imitiert es die äußere Realität und versucht diese zure- interpretieren. Kinder, aber auch Erwachsene, drücken mitder Zeichnung die eigenen Gefühlszustände aus, was sie sichvorstellen, was sie wissen und gesehen haben. Betrachtetman die Zeichnungen der Kinder, muss man auch die chroma-tischen Symbole beachten. Die Wahl der Farben ist ebensobezeichnend wie das Fehlen von Farbe. Beim Betrachten derhier präsentierten Zeichnungen sollte auch den Dimensionender Figuren und den Unterschieden zwischen ihnen Aufmerk-samkeit geschenkt werden. Auch kleine Einzelheiten könnenvon Bedeutung sein.
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