Ludwig Janus
Bilder und Zeichen intrauteriner Erfahrungen
Einleitung
In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich eine neue Sen-sibilität für die Realität frühen vorsprachlichen Erlebens ent-wickelt. Der Einfluss der naturwissenschaftlichen Orientie-rung in der Medizin hatte unser intuitives Wissen um dasfrühe Erleben entwertet. Doch seit den 70er Jahren ist es hierzu einem Wandel gekommen. ,, Die sanfte Geburt" und„ derkompetente Säugling" sind Schlagworte für diese Entwick-lung. Das neue Gespür erlaubt die Wahrnehmung, dass dieRealien des frühen vorsprachlichen Erlebens in symbolischenGestaltungen aber auch in körperlichen Empfindungen, Phan-tasien, Träumen und im Lebensgefühl insgesamt enthaltensein können.
Wegweisend waren Experimente zum Wiedererkennen vonvorgeburtlich Gehörtem: der Mutterstimme, der Mutterspra-che, von Liedern oder sogar Geschichten. Dies machte deut-lich, wie differenziert schon vor der Geburt das Gedächtnisfunktioniert. Ebenso ließ sich empirisch zeigen, dass auchaffektive Belastungen dauerhaft„ behalten" werden, und dasspätere Erleben vorprägen( Chamberlain 1990, Janus 1997).In die gleiche Richtung gingen Beobachtungen von Psycho-therapeuten, die in den verschiedenen therapeutischen Set-tings Aktualisierungen von frühem vorsprachlichen Erlebenbeobachteten, zuerst von traumatischen Erfahrungen währendder Geburt und später auch dann von vorgeburtlichen Belas-tungen( Häsing und Janus 1994, Janus und Haibach 1997).All dies führte zu dem Schluss, dass die tradierten Symbole ingroßem Ausmaß auf realen frühen Erfahrungen aufruhen oderaufbauen. So dürfen wir annehmen, dass sich auf einer kollek-tiven Ebene in den Paradiesbildern gute pränatale Erfahrungen
symbolisieren und in den Bildern der Hölle negative vorgeburt-liche und geburtliche Erfahrungen. Diese mythenhaften Bildergewinnen ihre Faszination aus der symbolisch vermittelteneigenen frühen Erfahrung. Weite Bereiche der Symbolik undder Mythen lassen sich in dieser Weise auf ihre vorgeburtli-chen und geburtlichen Wurzeln hin erschließen. Dies soll in fol-gendem an Symbolisierungen der Erfahrung der Plazenta, derNabelschnur, der uterinen Höhle und des Fruchtwassersgezeigt werden.
Die Baumsymbolisierung der Plazenta
Die Dichtungen aller Völker berichten vom heiligen Baum, derden Menschen in geheimnisvoller Weise Schutz und die,, Speise des Lebens" gibt. Dieser Baum verbindet die Erdmit-te mit dem Himmel. Auch die Milchstraße wird von einigenVölkern als ein solcher aus dem Ozean aufsteigender Welten-baum gesehen( Höhler 1985, S. 20).
Wir kennen aus allen Kulturen die Bedeutung heiliger Bäume,die einen geheimnisvollen Mittelpunkt bilden. Weit verbreitetwaren Baumkulte. Auch bei uns Heutigen können große alleinstehende Bäume mit ihrer überragenden Größe und demSchutzraum ihres Gezweigs geheimnisvoll- magische Gefühleauslösen. Ich habe mir die Vorstellung gebildet, dass sich insolchen Gefühlen unmittelbar vorgeburtliche Erfahrungen mitder Plazenta ausdrücken( Janus 2000 a). Wie ein Hintergrunds-film leben diese Erfahrungen in uns und können durch einenentsprechenden Auslöser, wie etwa den Baum aktualisiertwerden. Den gleichen psychologischen Hintergrund habenm. E. all diese Baumsagen und Baumkulte.
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