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Aller Anfang : [birth - Geburt - naissance - parto ; Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 10. April bis 6. Oktober 2002]
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Volker Lehmann

Geburt: ein Motiv in der Kunst von Frauenim 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert sind die methodischen Möglichkeitenkünstlerisch zu arbeiten vielfältiger geworden. Früher gab esBildhauerei, Malen und Zeichnen. Heute sind Fotographie,Video, Environment und Performance dazugekommen, undFrauen als Künstler sind in den letzten Jahrzehnten immer häu-figer in den Vordergrund getreten. Es soll nun nicht versuchtwerden, die dauernde Frage zu klären: Gibt es eine spezifischweibliche Sehweise und Sensibilität oder gibt es sie nicht? Esgibt aber ein Motiv, das biologisch bedingt von den Frauenallein aus einer persönlichen Erfahrung und Situation darge-stellt werden kann, wie es dem Mann nicht möglich ist: dieGeburt. Dieses Motiv der Geburt soll an acht Beispielen ausdem 20. Jahrhundert betrachtet werden, wie es von Künstle-rinnen mit unterschiedlichen formalen Mitteln auch als eineselbst erfahrene Situation geschildert wird, die durchausnicht immer auf ein glückhaft erlebtes Ereignis von Schwan-gerschaft und Entbindung schließen lässt. ,, Einer Frau," sagtElfriede Jelinek im Zusammenhang mit ihrem Roman ,, Die Kla-vierspielerin" ist es nicht erlaubt zu leben, wenn sie für sich einRecht anstrebt, das nicht das ihre ist: künstlerischer Ruhm."( 1)Bei Paula Modersohn- Becker hat das Schicksal diesen Laufgezeichnet. Sie nahm sich das Recht, das Haus zu verlassenund fuhr nach Paris, um sich künstlerisch zu entfalten und zuleben. Sie wünschte sich aber auch die Mutterrolle und starbim Wochenbett.

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CHARLOTTE BEREND- CORINTH( 1880-1967) blieb im Schat-ten ihres Mannes und versuchte, Beruf und Versorgung derFamilie möglich zu machen, blieb aber letzten Endes die, Schützerin", wie Corinth sie nannte, und seine Nachlassver-walterin. Trotzdem hat sie eigenständig gemalt, viele Grafikenund Buchillustrationen geschaffen.( 2)

Im Jahre 1908 malte sie die ,, Schwere Stunde". Die Gebären-de liegt in einem zerwühlten Bett. Sie wirft sich ins Kreuz,bäumt sich auf vor Schmerzen, die rechte Hand greift zur Stirn,der Schmerz raubt ihr die Sinne, das Hemd über der Brust istzerrissen. Die Hebamme versucht gerade unter die Tücher zufassen, um sich über die geburtshilfliche Situation Klarheit zuverschaffen. An der Seite hockt eine Gestalt, die ratlos amDaumen lutschend ins Leere starrt. Die Gebärende fasst siehilfesuchend am Oberarm. Ob hiermit die Rolle des männli-chen Begleiters bei der Geburt wiedergegeben werden soll,bleibt offen. Zwischen zwei dunklen Gestalten liegt die Frau inihren Schmerzen, deren Ende sie nicht kennt. Trost scheintvon keiner Seite zu kommen. Die Situation ist voller Dramatikgeschildert, es wird kein schönes Geburtserlebnis dargestellt,von Mutterglück ist noch nichts zu ahnen.

FRIDA KAHLO( 1907-1954) hat ihre Geburt gemalt. 1932 fas-ste sie den Plan, für jedes Jahr ihres Lebens ein Bild zu malenund so steht ,, Meine Geburt" am Anfang dieser geplantenReihe ihrer Bilder. Der Titel ist doppeldeutig. Sie wird nicht nurgeboren, sondern gebiert sich selbst. Es gibt eine Tagebuch-notiz, in der Frida Kahlo neben ein kleines Selbstportraitschrieb: ,, Die sich selbst gebar..., die das wunderbare Gedichtihres Lebens geschrieben hat."( 3)

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