Margot Schindler
Von Menschen und Dingen im Museumund der Geburt in der Volkskunde
Der Akt des Gebärens ist in unserem Denken nicht nur aufmenschliche und tierische Lebewesen beschränkt. AuchIdeen werden geboren, haben einen Anfang, der irgendwoim Dunkeln liegt. Manche werden wieder verworfen, aus-geschieden, wie unbefruchtete Eier, andere werden frucht-bar und erblicken nach einer gewissen gedanklichen Reife-zeit das Licht der Welt. Für die uns umgebende Dingweltpflegen wir ebenfalls die Metapher des Lebenslaufs zu ver-wenden. Auch Sachen haben einen Anfang und ein Ende,werden erdacht, hergestellt, benützt, und irgendwann abge-legt, bevor sich ihre materielle Existenz durch Verbrennungoder Verwesung wieder verliert. Vor dem endgültigen Ver-schwinden landen die abgelegten Dinge jedoch auf demMüll oder im Museum, je nachdem, welche Bedeutungihnen nach der jeweiligen aktiven Phase des Gebrauchszuerkannt wird.
Über das Verhältnis von Menschen und Dingen wurde in denKulturwissenschaften schon viel nachgedacht.1 Hans Alb-recht Hartmann und Rudolph Haubl sprechen in ihrer Ein-führung zu dem Sammelband„ Von Dingen und Menschen"von den materialisierten Erlebnis- und Handlungspotentialender Dinge und von deren ökologischen, ökonomischen, tech-nischen, kulturellen, gesellschaftlichen, ästhetischen, undpsychischen Entwicklungsdimensionen 2 sowie von einemsoziokulturellen System, das Dinge und Menschen gemein-sam bilden. Diese Gedanken lassen sich trefflich weiter-spinnen, wenn man über„ aller Anfang" und„ alle Anfänge"nachdenken will, über jene der Menschen, der Ideen und derDinge.
Bei der Vorbereitung einer Ausstellung zum Thema Geburtstellen sich zunächst einmal viele Fragen ein: Wie geht manan eine derart komplexe Materie angemessen heran? Kanndas Medium Ausstellung dieser Thematik gerecht werden?Wo könnten die museologischen Zugänge zu finden sein?Wovon sprechen wir überhaupt, wenn wir das Wort Geburtverwenden? Von einem physischen Ereignis, einem medizi-nisch dominierten Vorgang, einer kulturell geprägten Hand-lung?
Die Volkskunde beschäftigt, von ihrem Fachverständnis her,das gesellschaftliche und kulturelle Umfeld des ThemasGeburt am stärksten, doch zu einem ganzen Bild fügt sich die-ses Umfeld erst durch die Einbeziehung des medizinischen,psychologischen und sozialanthropologischen Blicks und sei-ner historischen Dimensionen. Künstlerische Positionen kön-nen zu diesem„ ganzen Bild" ebenfalls einen wertvollen Bei-trag leisten, denn in ihnen drücken sich nicht nur persönlicheSichtweisen, sondern auch die jeweiligen zeitgenössischenWertungen und Werthaltungen aus. Erst die unterschiedli-chen disziplinären Zugänge und deren Verknüpfung machenaus der Kopfgeburt" einer Geburtsausstellung ein sinnvollesProjekt. Als Geburtshelfer können dabei Menschen und Dingegleichermaßen hilfreich sein.
Weihnachtsgrüße 2001
Die elektronische Weihnachtspost 2001/2002 brachte mir eineanimierte Grußkarte zum Fest Epiphanie auf den Bildschirm.4Weibliche Heilige Drei Königinnen schwebten von rechts ins
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