Druckschrift 
Aller Anfang : [birth - Geburt - naissance - parto ; Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 10. April bis 6. Oktober 2002]
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

Zur Ausstellung

,, Aller Anfang ist Mythos. Schon die eigene Geburt, von der Zeugung gar nicht zu reden, kennen wir nur vom Hören-sagen, ist uns bestenfalls in Geschichten aus zweiter Hand überliefert. Daß wir sind, können wir wissen. Wie wirwurden, müssen wir glauben. Aller Anfang ist ungewiß. Ob Urknall, Schöpfungsgeschichte oder vorsokratische Ele-mentenlehre, der Beginn der Weltzeit wird, wie der Beginn der Lebenszeit, aus Vorhandenem rekonstruiert. UnsereKosmologien sind materiell abgeleitet. Einzig die monotheistischen Religionen schaffen sich einen Schöpfergott.Dieser nach Vatervorbild personifizierte Urheber soll die mythische Ungewißheit allen Anfangs tilgen: Der Welten-herr wird zugleich als Welterschaffer vorgestellt. Indes, weil wir nicht dabei waren, bleibt aller Anfang Mythos." Mitdiesen Sätzen leitete kürzlich Oliver vom Hove seine Rezension der Grammatik der Schöpfung" des Literaturwis-senschaftlers und Kulturkritikers George Steiner ein( Die Presse. 23. Februar 2002. Spectrum VII). Hier geht esprimär um die Wirkungsmacht der Kunst und das Schöpfertum des Künstlers. Steiners Kunstbegriff wird in den, Sakralbereich des Messianischen" gerückt, wo jeder Anfang in der Kunst zum göttlichen Schöpfungsakt aus demNichts deklariert wird. Der Verbindung von Kunst und Schöpfung mit Geburt, und der Beschäftigung der Kunst mitder Geburt als Schöpfungsprozeß wird in der Ausstellung ,, Aller Anfang" und in diesem Begleitbuch ein bedeuten-der Platz eingeräumt.

"

Dem Mythos des Anfangs und der Geburt spürt auch Barbara Duden in ihrer Vision Vom Untergang der Geburt imspäten 20. Jahrhundert" nach( in: Rituale der Geburt. München 1998). Hier geht es jedoch um den realen Verlaufvon Schwangerschaft und Geburt, der sich nach Meinung der Autorin vom Ritual der Menschwerdung, das währendder Zeit der Erwartung und bei traditionellen Entbindungen im intimen weiblichen Milieu stattgefunden hat, zueinem Ritual der ,, zeitgenössischen technischen Liturgie"( S 151) entwickelt habe, zu deren zeremonieller Teilnah-me heutige Schwangere durch die Mitverantwortung an der Risikoverwaltung von Schwangerschaft und Geburtpraktisch verpflichtet seien. Der Dechiffrierung und dem Vergleich solcher Rituale und ihrer historischen Verortungist eine Kulturwissenschaft, wie sie durch die Arbeit am Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien vertre-ten wird, jedenfalls besonders verpflichtet.

Barbara Dudens Überlegungen ist auch der Titel dieser Ausstellung entlehnt. Sie macht deutlich, daß aller Ursprungund aller Anfang" mit Geburt zu vergleichen und daß Geburt sowohl Lebensanfang als auch Sinngebung sei( S 157).Über diesen Titel wurde im Vorfeld der Ausstellungsvorbereitungen intensiv und kontrovers diskutiert, ob er daskomplexe, vielschichtige Thema tatsächlich zu transportieren imstande sei, und ob er nicht zu vollmundig klinge, dawir mit dieser Ausstellung zur Kulturgeschichte der Geburt wohl nicht den Ursprung der gesamten Welt und ihrerKultur erklären wollen und können.

Neben der Kunst- und Kulturgeschichte und dem Begriff des Geburts- Mythos in Religion und Philosophie sind wei-ters der sozial- und naturwissenschaftliche Aspekt in der Ausstellung und ihrem Begleitbuch vertreten. Etliche The-menbereiche wie die historischen Geburtsbedingungen und die geschlechtermäßige Rollenverteilung der an einer

9