Die Wirkmacht der Apokalypse
Aufgrund immer wieder unterschiedlicher Ausle-gungen, vor allem hinsichtlich der Visionen vomAntichrist und vom Tausendjährigen Friedensreich,gelangte die Apokalypse zu keiner allgemeinenAnerkennung und blieb umstritten; auch innerhalbder katholischen Kirche.43 Im folgenden wird auf dieInterpretationsgeschichte und damit auf die beson-dere Wirkmacht der Apokalypse eingegangen. Zudiesem Thema sind in Hinblick auf die Jahrtausend-wende eine Unzahl von Büchern publiziert worden.Dies macht eine Auswahl aus den Interpretationennotwendig, da hier nicht der Platz für einen aus-führlichen Apokalyptik- Diskurs44 ist.
Erste Auswirkungen zeigten apokalyptische Ideenin Form des Chiliasmus oder Millenarismus. Chilias-mus meint die Erwartung eines tausendjährigenirdisch- messianischen Zwischenreichs und beziehtsich unter anderen auf eine Stelle in der Apokalyp-se des Johannes.( Dies wird an anderer Stelle in die-ser Publikation noch ausführlicher erklärt.) Im 2.Jahrhundert prophezeite der Seher Montanus dieummittelbare Herabkunft des himmlischen Jerusa-lem in seinem Heimatort Pepuza in Phrygien unddamit die tausendjährige Friedensherrschaft Christiauf Erden. Seine Anhänger versammelten sich dortund warteten auf den Weltuntergang. Die bischöfli-che Autorität sah sich durch die montanistischeProphetie bedroht, daher ließ Bischof Apollinarisvon Hierapolis( um 161-180) Synoden gegen dieMontanisten abhalten. Der Montanismus wurdedaraufhin der Häresie zugeschrieben und verboten.Cyrill von Jerusalem( gest. 386) warf den Anhängerndieser Bewegung vor, in ihren Mysterien Kinder zutöten und zu essen. Kaiser Theodosius( 378-395)stellte sie unter Strafe, was letztlich das Ende die-ser schwärmerischen Bewegung bedeutete.45
Nachdem im 4. Jahrhundert das Christentum vonKonstantin zur Staatsreligion neben den alten römi-schen Religionen erklärt wurde, nahm die Bedeu-tung der apokalyptischen Idee ab. Augustinus( 354-430), einer der vier großen lateinischen Kirchen-väter, lehnte die chiliastische Hoffnung auf ein tau-sendjähriges Zwischenreich am Ende der Zeit ab.
Er sah es auf Erden verwirklicht, nämlich durch dasAuftreten Jesu. Dies weckte Weltuntergangsgedan-ken für das erste Jahrtausend.46 Jedoch ist die oftpostulierte Weltuntergangshysterie des Jahres 999eine nach neueren historischen Untersuchungennicht haltbare These: die wenigen Quellen, die da-von berichten, stammen aus der Neuzeit und spie-geln die Ängste ihrer Zeit wider, etwa Pest und Tür-kenkriege.47 Zudem ist zu bedenken, daß die Mehr-heit der Bevölkerung im 10. Jahrhundert gar nichtwußte, in welchem Jahr sie lebte, da es keine ein-heitliche Zeitrechnung gab.
Mit der zeitgeschichtlichen Interpretation der Apo-kalypse durch Joachim von Fiore, einem kalabresi-schen Abt( 1114-1202), kam es im 12. Jahrhundert zueiner Wiederbelebung apokalyptischer Ideologie.48Die Geschichte sah er eingeteilt in drei Zeitalter:das erste Zeitalter des Vaters, geprägt vom GesetzGottes, das zweite Zeitalter des Sohnes, also dieVerbreitung des Evangeliums, und für 1260 erwar-tete er den Beginn des dritten und letzten Zeit-alters, das des Heiligen Geistes, getragen vonMönchtum; der Mönch galt als ein Vorbild für denGeist der Brüderlichkeit. In der Übergangsphasezum dritten Zeitalter, so Fiore, werde der Antichristerscheinen und vergebens versuchen, die Heiligen
Joachim v. Fiore
Foto: Bildarchiv, ÖNB Wien
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