Endzeitvisionen
der Jahrtausendwechselals eine Produktion
apokalyptischer Vorstellungen
Brigitte Rauter
STOANNES
Johannes auf Patmos, aus Codex 128, fol. 2Foto: Bildarchiv, ÖNB Wien
In einer Ausstellung, die sich mit den Phänomenenzum Jahreswechsel 1999/2000 auseinandersetzt,darf das Thema Endzeitvisionen, Weltuntergangs-stimmung nicht fehlen. Die Jahreszahl 2000 wird alsmagisches Datum gedeutet und ruft apokalyptischeVorstellungen und Prophezeiungen zur Mensch-heitsgeschichte wach: ,, Die Lust an der Apokalypsenimmt jedenfalls zu, je näher die magische Jahrtau-sendwende rückt", schreibt Jörg Albrecht in der,, Zeit". Was ist nun das Lustvolle an der Apokalyp-se? Was steckt hinter diesem Wort? WelcheGeheimnisse werden offenbart? Und was hat dasmit dem Jahr 2000 zu tun?
Die Apokalypse des Johannes beinhaltet eineZukunftsschau, die auf mächtigen Konzepten auf-baut: dualistisches Weltbild, Kampf zwischen Gutund Böse, Weltgerichtsvorstellung und Erlöserfigur.Es sind Grundkonzepte, wie sie in vielen Religionenund Kulturen vorkommen. Aber nur im Christentumhat sich ein so endzeitbezogenes Weltbild gefe-stigt, was auch den eindrucksvollen Bildern derApokalypse des Johannes zu verdanken ist; vielegeistliche und weltliche Machthaber nutzten diese.In Zeiten politischer oder religiöser Zwistigkeitenwurde apokalyptische Metaphorik laut. Die Prophe-zeiung eines nahen Weltendes hat seit der Entste-hung des Textes von Johannes immer wieder End-zeitstimmungen aufleben lassen.
Bedeutet das griechische Wort„, apokalypsis" in derÜbersetzung soviel wie Enthüllung, Offenbarungvon etwas Zukünftigem, so steht Apokalypse heutevielfach als Signum für den Weltuntergangschlechthin. Heute scheint hauptsächlich das Welt-ende, die Auslöschung der Erde im Zentrum derProphezeiungen zum Jahr 2000 zu stehen. Dochverkündet die Apokalypse des Johannes am Endeein ,, neues Jerusalem", gemeint ist damit ein bes-seres neues Zeitalter. Von Interesse war ebenneben der Androhung eines Weltunterganges vorallem der Gedanke, daß Menschen, ihre gegenwär-tige Situation als eine Übergangszeit interpretier-ten oder glaubten, unmittelbar vor einer Wende zustehen. Hier bot die Apokalypseschrift eine ver-lockende Aussicht, nämlich den Übergang in einGoldenes Zeitalter.
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