Birgit Johler
Was also steckt hinter ,, Y2k"?
Um Speicherplatz zu sparen- dieser war früher teurer als heute-, wurden von Programmierern bis indie Achtziger Jahre bestimmte Formen der Darstellung von Jahreszahlen gewählt. Es wurden statt dervierstelligen Zahl nur die letzten beiden Stellen angegeben; außerdem war diese Schreibweise allge-mein üblich und ist es auch heute noch. So findet sich also beispielsweise der„ 31/12/1980" als" 31/12/80" in den Programmen wieder. Zwar hat die ISO( International Organization for Standardizati-on) schon im Jahr 1988 vierstellige Datumsangaben in Computerprogrammen vorgeschrieben, in Öster-reich aber wurde die betreffende ÖNORM erst am 1. Oktober 1993 herausgegeben.¹
Mit dem Wechsel in das vermeintliche neue Jahrtausend wird nun bei jenen Computersystemen undMikrochips, die nur zwei Stellen für die Jahreszahl vorsehen, das Datum mit„, 01/ 01/ 00" dargestellt. EinProblem liegt darin, daß der Computer„ oo" als 1900 interpretieren könnte. Error. In diesem Fall stim-men sämtliche, darauf aufbauende Berechnungen nicht mehr. So können Programme, die das Lebens-alter von Personen durch Vergleich des Geburtsdatums mit dem laufenden Datum errechnen, bei-spielsweise allen bis dato geborenen Menschen ein negatives Alter zuweisen. Programme, die dieWochentage berücksichtigen wie zum Beispiel Zeiterfassungssysteme, nehmen anstelle der aktuellenWochentage jene aus dem Jahr 1900. Und wie immer dann der Sprung in das neue Jahr verlaufen wird,das Problem ist damit noch nicht zu Ende: eine weitere mögliche Fehlerquelle stellt der 29. Februar2000 dar. Normalerweise sind Jahre, die durch 100 teilbar sind, keine Schaltjahre, außer die Jahreszahlkann durch 400 geteilt werden- zuletzt der Fall im Jahre 1600. Der 29. Februar 2000 ist also ein beson-derer Schalttag, der nicht bei allen Systemen implementiert wurde, wodurch es wiederum zu Fehlin-terpretationen kommen kann. Über die Auswirkungen des Jahr- 2000- Problems und dessen Ausmaßläßt sich nur spekulieren. Ob Börsenmärkte bestehen bleiben, die Sicherheits- und Kontrollsystemevon Atomkraftwerken und militärischen Einrichtungen funktionieren und die Stromversorgung aufrechtbleiben wird, dafür möchte niemand der Fachleute echte Garantien geben. Sicher ist, daß Banken auf-grund der Befürchtung von Panikreaktionen beziehungsweise Hamsterkäufen große Geldvorräte ange-legt haben, die Österreichische Nationalbank zusätzlich Scheine drucken ließ und zahlreiche Fluglini-en die Zahl ihrer Flüge am 31.Dezember reduziert haben.
Computersysteme sind häufig über Jahrzehnte gewachsene Programme und stehen sehr oft in kompli-zierten Verbindungen zu anderen Computern. Wenn also nur einzelne Programme innerhalb eines Netz-werkes rechtzeitig für die Jahrtausendwende umgeschrieben wurden, ist das zuwenig. Das gesamteSystem müßte korrigiert werden, um am 1. Jänner 2000 fehlerfrei zu arbeiten.²
Das Problem wurde längst als ein weltweites begriffen: Gefahrenquellen werden vor allem in der welt-weiten Vernetzung gesehen, aus diesem Grund beunruhigt das mangelnde Problem bewußtsein vielerStaaten. Organisationen wie beispielsweise die UNO oder die Europäische Union arbeiten deswegenan internationalen Notfallplänen für Wirtschaft und Gesellschaft. Aber auch Unternehmen sind seitgeraumer Zeit sensibilisiert: Viele mußten externes Personal zukaufen, um das Jahr- 2000- Projekt recht-zeitig in den Griff zu bekommen. Und der Letztverbraucher im Alltag weiß schon seit Monaten, daß er- will er auf Nummer sicher gehen- sich rechtzeitig um Geld, Nahrung und Sprit kümmern muß.Je mehr wir uns der„ Stunde Null" nähern, desto häufiger berichten Medien von der„ Jahr- 2000- Fähig-keit" großer Firmen, die ihre Tests, die sogenannten„ Zeitreisen", bereits erfolgreich bestanden haben.Dazwischen wecken jedoch Meldungen von miẞglückten Testläufen, von der noch nicht vollzogenenUmstellung bestimmter Länder oder der schnellen Einführung eines Bankfeiertages am 31.12.3Mißtrauen und schüren Ängste. Vermutlich ist noch nie ein Countdown zum Jahreswechsel mit sogemischten Gefühlen gezählt worden.
1 Rainer Kurbos: Seit elf Jahren gilt die Jahr- 2000- Norm. In: Der Standard. 19.10.1999, S. 28.
2 Klaghofer, Thomas u.a.( Hg.): Das Jahr- 2000- Problem. Wien 1998/1999.
3 Jäkle, Thomas: Rußland ist nicht Y2K- fähig. In: Der Standard. 11.8.1999, S. 27.;
Ders.: EZB will Bankfeiertag zu Silvester. In: Der Standard. 16.3.1999, S. 28.