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2000 - Zeiten, Übergänge : zur Konstruktion der Jahrtausendwende ; Begleitpublikation zur Ausstellung: ..., 3. Dezember 1999 bis 13. Februar 2000
Entstehung
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Basierend auf einer Veränderung des Zeitbewußt-seins wurde im Laufe des 17. Jahrhunderts, ausge-hend von Frankreich, damit begonnen, die Epochenzu charakterisieren. So finden sich plötzlich inKalendern Zuschreibungen an vergangene Jahrhun-derte wie beispielsweise der Begriff des SeculumCaroli V. et Lutheri"( das Jahrhundert Karl V. undLuthers). Damit wird die Empfindung transportiert,daẞ neben diesen beiden Persönlichkeiten alleanderen Personen und Ereignisse des Jahrhundertsunbedeutend werden. Derartige Bezeichnungennehmen eine Bewertung und Gewichtung vor, dieVergleiche zwischen Epochen evozieren. Die Ver-wendung der Einteilung in Jahrhunderte wurderasch populär. So war die Jahrhundertwende vom17. zum 18. Jahrhundert die erste mit großen Feier-lichkeiten begangene. Sie war ein öffentlichesThema, in Nachrichtenblättern wurde das alte Jahr-hundert verabschiedet und das neue begrüßt; undseitdem existiert die Streitfrage, wann denn nundas Jahrhundert beginne- 1700 oder 1701. Im 18.Jahrhundert verfestigte sich der Epochenbegriff,das neue Wort des Zeitgeistes" entstand. Dieserwurde bald wichtiger als das Zählen der Zeit nachHerrscherdaten. Eine Epoche bildete von nun aneine geistige Einheit, die durch das Verbinden vonPhänomenen verschiedenster Art entsteht. DerBegriff des Zeitgeistes stammt übrigens von Her-der, der die Ausdrücke génie d'un Siècle" und,, esprit d'un siècle" von Montesquieu und Voltairein Anlehnung an den neuen Begriff Volksgeist" zuübersetzen versuchte. 10 Das Problem beider Begrif-fe liegt darin, Homogenisierungen vorzunehmenund Unterschiede zu verwischen. Das Phänomender ,, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" bleibtunbeachtet.

Heute ist es ganz selbstverständlich, auf eine ver-gangene Zeitperiode zurückzublicken und zu versu-chen, das Typische und Besondere daran zu erfas-sen. Dabei werden je nach Weltbild verschiedeneSchwerpunkte gesetzt: Einmal ist das ausgehende20. Jahrhundert jenes der Weltkriege und desFaschismus, ein andermal jenes von Massenme-dien und Mondlandung. Der Charakter des Jahrhun-derts und Jahrtausends wird zudem an Persönlich-keiten festgemacht, die ihre Zeit geprägt haben sol-

len. Gleichzeitig wird in die Zukunft geblickt und jenach Einstellung das neue Jahrhundert als ein bes-seres oder schlechteres erwartet.

Das Heilige Jahr 2000

Johannes Paul II verkündete in seinem apostoli-schen Schreiben Tertio millennio adveniente"( ,, Während das dritte Jahrtausend näherrückt") einweiteres sogenanntes Heiliges Jahr oder kirchlichesJubeljahr und führte den Ursprung dieser Einrich-tung direkt auf die Bibel zurück." Im Lukasevange-lium( Lk 4,16-30) wird beschrieben, wie Jesus eineStelle des Propheten Jesaja vorlas. In dieser kün-digte Jesaja den Messias an, der ein Gnadenjahrdes Herrn" ausrufen werde. Jesus bezog diese Stel-le auf sich.

Das erste Jubeljahr fand 1300 statt. Sein Ursprunggeht vermutlich auf eine Prozession in Rom zurück:Immer am zweiten Sonntag nach Weihnachtenwurde das angebliche Schweißtuch der Veronikavom Petersdom zur Heilig- Geist- Kirche getragen,was als Jubiläum" bezeichnet wurde. Zu diesemEreignis kamen viele Pilger jährlich nach Rom, diefür ihre Reise Nachlaß von Sündenstrafe, alsoAblaẞ, bekamen. Papst Bonifaz VIII nahm dies zumAnlaß, das Jahr 1300 zum Jubeljahr zu erklären, indem die Möglichkeit eines vollkommenen Ablasseseingeräumt wurde. Sein Ziel war es, damit die Apo-stelverehrung zu stärken und die Bedeutung Romszu betonen, denn vollkommener Ablaß war nur beieinem Besuch des Petersdomes und der St. PaulsBasilika zu erlangen.

Die Möglichkeit eines vollkommenen Ablasses fandgroße Beachtung in ganz Europa und zog viele Pil-ger nach Rom. Während der Zeit der Avignonpäpsterichteten die Bewohner Roms Bittschreiben an Cle-mens VI, er möge im Jahr 1350 ein Jubeljahr ausru-fen, um die Bedeutung Roms wieder zu stärken. Die-ser kam der Bitte nach und verfügte, daß nun auchdie Lateranbasilika aufgesucht werden müsse; erselbst kam nicht nach Rom. Bonifaz IX fügte für dasJubeljahr 1390 den Besuch der Basilika Santa MariaMaggiore hinzu. Für das zehn Jahre später ebenfallsunter seinem Pontifikat stattfindende Heilige Jahr ist

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