tausendjähriges irdisches Messiasreich, das dereschatologischen Vollendung von Schöpfung undGeschichte vorausgeht. In dieser letzten Epocheder Weltgeschichte wird Christus zusammen mitden auferweckten Gerechten eine messianischeHeilsherrschaft ausüben." 4
In der Interpretation lassen sich zwei Vorstellungenvon Chiliasmus ausmachen: der sogenannte Prä-millenarismus, der besagt, daß mit der Parusie, derWiederkunft Christi, ein tausendjähriges Zwi-schenreich beginnt, und der sogenannte Post-millenarismus, bei dem die Parusie erst nach derFriedensperiode eintritt.5 Die erste Ausprägung desChiliasmus( als Prämillenniarismus) findet sich imMontanismus, einer schwärmerischen Bewegungim 2. Jahrhundert, die auf den Propheten Montanuszurückgeht. Dieser prophezeite die ummittelbareHerabkunft des himmlischen Jerusalem in seinemHeimatort Pepuza in Phrygien als Beginn des tau-sendjährigen Friedensreiches. Seine Anhänger ver-sammelten sich dort, fasteten und hatten Geld ineine gemeinsame Kasse zu spenden. Die offizielleKirche bezeichnete den Montanismus als häretisch.Kaiser Theodosius( 378-395) stellte die Ausübungzudem unter Strafe, was letztlich das Ende derBewegung bedeutete.6
Das Christentum wurde unter Kaiser Theodosiuszur Staatsreligion erklärt. Das Hoffen auf einzukünftiges Friedensreich war damit nicht mehr vonso großer Bedeutung. Augustinus( 354-430) deute-te deshalb das Ausbleiben der Parusie dahinge-hend, daß das versprochene tausendjährige Reichbereits mit der Geburt Christus angebrochen seiund im Wirken der Kirche seinen irdischen Aus-druck finde. Damit beschwor er ein um das Jahr1000 zu erwartendes Weltende herauf. Als jedochEnde des ersten Jahrtausends das prophezeiteWeltgericht nicht eintrat, folgten weitere Umdeu-tungen. Die einflußreichste war jene von Joachimvon Fiore( gestorben 1202), der von drei Zeitalternausging, wobei nur das letzte das tausendjährigeFriedensreich sei und mit 1260 anbrechen werde.
Obwohl der Chiliasmus von der katholischen undprotestantischen Dogmatik abgelehnt wurde, ist er
bis heute theologisch wirksam geblieben. Über-nommen wurde er etwa von messianischen Bewe-gungen des Mittelalters, den Wiedertäufern in derReformationszeit, dem Pietismus des 18. Jahrhun-derts und den Erweckungsbewegungen des 19.Jahrhunderts wie den Evangelikalen in der anglika-nischen Kirche oder den Methodisten in den USA.Von politischem Chiliasmus wird gesprochen, wennder ursprünglich religiöse Mythos verweltlicht wird,so etwa in der nationalsozialistischen Ideologie desDritten Reiches, die Hitler als Messias ausgab undein diesseitiges 1000jähriges Reich verkündete.8
Heute finden sich chiliastische Ideen in den Lehrenvon Sekten und anderen religiösen Gruppierungenwie etwa bei den Zeugen Jehovas, den Siebenten-Tags- Adventisten oder auch den Mormonen. Fürdas Jahr 2000 erwarten einige MillenaristInnen dendefinitiven Anbruch des Friedensreiches.
Denken in Jahrhunderten
Eine weitere Periodenbildung neben dem Millenni-um ist die Einteilung der Zeit in Jahrhunderte. DasDenken in Jahrhunderten oder Epochen besitzt einezusätzliche Qualität, die über die zeitliche Rhythmi-sierung hinausgeht: Durch das Verbinden bestimm-ter Ereignisse mittels einer Zeitstrecke- eben 100Jahre- werden gemeinsame Grundlagen impliziert( z. B. die Aufklärung) und wird umgekehrt jedemZeitabschnitt ein ihm typischer Charakter zuge-schrieben( also: Zeitalter der Aufklärung). Dies ver-stärkt die Schwellenfunktion von Jahrhundertwech-seln; wenn ein Jahrhundert zu Ende geht, endetdamit auch scheinbar eine bestimmte Lebensweise,ein Ereignis- oder Handlungsmuster.
JAHR
HUMPYDERTS
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Gedenkmünze zur JahrhundertwendeKunsthistorisches Museum Wien, Münzkabinett
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