Druckschrift 
2000 - Zeiten, Übergänge : zur Konstruktion der Jahrtausendwende ; Begleitpublikation zur Ausstellung: ..., 3. Dezember 1999 bis 13. Februar 2000
Entstehung
Seite
54
Einzelbild herunterladen
 

54

Brigitte Rauter

Für eine Handvoll Blei in die Zukunft blicken- Orakelbrauch zu Silvester

Der Zeitpunkt des Jahreswechsels wurde seit der Antike als eine besondere Zeit betrachtet. Die Vor-stellung, daß etwas vergangen ist und etwas Neues beginnt, evozierte bei den Römern beispielsweiseden Brauch, an Neujahr den Gott Janus, den Gott des örtlichen und zeitlichen Eingangs, mit seinen zweiGesichtern zu ehren.' Silvester und Neujahr sind Zeiten des Übergangs: das alte Jahr wird verabschie-det und das neue begrüßt. Der Blick auf das kommende Jahr schließt den Wunsch und die Hoffnung ein,daẞ dieses besser werde als das vergangene. Der Beginn des Jahres gilt daher als sensible Zeit, dieMenschen wissen von Zeichen, die auf ein gutes oder schlechtes Jahr schließen lassen. Das Erste,etwa die erste Begegnung am Neujahrstag, unterliegt der Deutung. Dieses, Angangsmotiv", so dervolkskundliche Terminus, ist weit verbreitet, in englischsprachigen Ländern ist es als first foot( ing)"bekannt. Von der ersten Person, die im neuen Jahr das Haus betritt, wird auf das Glück des Hauses undseiner Bewohner geschlossen. Je nach Bekanntheit, Geschlecht oder auch Haarfarbe wird die Personals gutes oder ungünstiges Zeichen gedeutet.²

Bis in die Zeit des frühen Christentums waren Methoden der Zukunftsschau anerkannt und wurdenöffentlich praktiziert: das Beobachten der Natur, das Würfeln, das Kartenlegen, das Buchorakel undandere Praktiken. Von der christlichen Kirche wurden einige jedoch zusehends als Aberglauben abge-lehnt und unter Strafe gestellt. Manche Methoden waren aber auch innerhalb der Kirche weit verbrei-tet, etwa das Bibellosen: Es wurde zum Beispiel die Bibel an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen unddie gefundene Textstelle gedeutet. Losen meint eine Handlung, ein Arrangement, um etwas Verborge-nem auf die Spur zu kommen und es zu deuten. Auch die Jahreswende galt als Orakeldatum und wurdevielfältig genutzt, um einen Blick in die Zukunft beziehungsweise auf das nächste Jahr zu werfen.

Exemplarisch sei das Bleigießen herausgegriffen, es zählt heute zu den bekanntesten und beliebtestenOrakelbräuchen an Silvester: Dabei wird ein aus Blei gefertigtes Glückssymbol- Hufeisen, Fliegenpilz,Schwein, Rauchfangkehrer, Geldsack und andere- auf einem Löffel über eine Flamme gehalten und,wenn das Stück vollkommen geschmolzen ist, in kaltes Wasser geschüttet. Die gegossene Figur wirddann gedeutet. Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens gibt an, daß früher" auch Wachs,Talg und Eier hierfür verwendet wurden. Die Frage nach der Herkunft des Bleigießens ergibt keinebefriedigenden Antworten, denn einschlägige Brauchbücher berichten von einem angeblich uralten"Brauch. Viel mehr Informationen enthalten sie leider nicht. Ein früher Hinweis findet sich bei Thomasvon Aquin( 1225-1274), der in seiner Abhandlung gegen den Aberglauben das Bleigießen als einenabergläubischen Orakelbrauch ablehnend erwähnt. Informationen über das Orakelwesen enthalten vorallem kirchlich- religiöse Schriften, etwa Disziplinar- oder Buẞordnungen, oder auch weltliche Rechts-belehrungen und Strafverordnungen, die gegen solche Formen des Aberglaubens wettern. Sie zeigenauf, daß ,, Götzendienst, Wahrsagen, Zauberei" und anderes unter Strafandrohung verboten waren.5Die mittelalterlichen Quellen geben jedoch nur spärlich Hinweis auf den Gebrauch des Bleigießens.Dieter Harmening hat diese Literatur untersucht und stellt hinsichtlich des Bleigießens fest: Das Blei-gießen wird in der kirchlichen Verordnungsliteratur an keiner Stelle erwähnt; es dürfte demnach erstspäter, aus griechischer Orakelpraxis übernommen, gebräuchlich geworden sein." Dabei ist aber Vor-sicht geboten, denn ob diese Verordnungen nun die Wirklichkeit wiedergeben oder sie erst schaffen,etwa um Druck auf die Gläubigen auszuüben, läßt sich heute nicht mehr sagen.