Druckschrift 
2000 - Zeiten, Übergänge : zur Konstruktion der Jahrtausendwende ; Begleitpublikation zur Ausstellung: ..., 3. Dezember 1999 bis 13. Februar 2000
Entstehung
Seite
52
Einzelbild herunterladen
 

52

Kathrin Pallestrang

Fische und Schweinchen.

Speisen zu Silvester und Neujahr

Silvester und Neujahr sind besondere Zeiten. Sie unterbrechen den Alltag und werden durch mehr oderweniger feststehende, den Ausübenden vertraute Festelemente strukturiert. Zu diesen Elementengehören auch besondere Speisen, die eben mit der Jahreswende verbunden werden. Schweinchen undKleeblätter aus Marzipan, Schokofliegenpilze und-münzen oder Biskuits in Fischform verbinden wirheute mit diesem Termin, weil wir es so gelernt haben, weil es zu Silvester eben ,, dazugehört und weildiese Eẞwaren unsere Wünsche fürs Neue Jahr symbolisieren. Neben diesen allgemein gültigen Nah-rungsmitteln gibt es, wie bei jedem Brauch, familieninterne Gewohnheiten¹, darunter auch etliche, diefür viele Familien gleichermaßen von Bedeutung sind, wie etwa das Karpfenessen, das Essen einesSchweinskopfes oder die Bereitung eines Fondues; diese Gerichte sind aber nicht allgemein verbind-lich. Unzählige Kochbücher liefern heute Vorschläge, wie ein Silvestermahl gestaltet werden kann undviele Hotels und Restaurants bieten Galadiners an, die die Gäste in luxuriösem Rahmen ins neue Jahrgeleiten sollen. Die Wahl bestimmter Speisen verdeutlicht also die Besonderheit von Festzeiten, undob ihres Zeichencharakters geben diese Speisen Auskunft über den Charakter eines Festes, das etwaüppiges Schlemmen oder eben Fasten vorschreibt.

Wer nach Gerichten fragt, die in früheren Zeiten die Jahreswende anzeigten, wird auf Schwierigkeitenstoẞen, die bei der Untersuchung des historischen Silvesters und Neujahrs überhaupt auftreten. Älte-re Quellen enthalten nur sehr ungenaue Angaben darüber, wer wann den beschriebenen Brauch aus-übte. In den meisten Fällen wird nicht gesagt, in welcher sozialen Schicht, welche Speisen gegessenwurden, für welche Gegend dies gilt, für welchen Zeitrahmen und auch nicht, ob Männer oder Frauengleichermaßen beteiligt waren. Des öfteren finden sich hingegen fragwürdige Herleitungen einesRitus, die aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar sind und sich auch nicht belegen lassen. Gerade For-men von Gebildbroten, also speziell geformten Broten, werden häufig Kelten oder Germanen zuge-schrieben, mit Flur- und Walddämonen oder bösen Geistern in Verbindung gebracht. Diese Herleitun-gen finden sich häufig auch in neuen Werken zum Thema, da sie ohne zu hinterfragen ältere zitieren,vielleicht auch weil sie ein geheimnisvolles, dunkles Moment einbringen wollen, das bei der reinenBetrachtung der Fakten nicht gegeben ist.

Was sich aus der vielfältigen Literatur herausfiltern läßt, ist, daß Silvester in vielen Orten ein Fasttagwar, am Neujahrstag aber üppig gegessen wurde, wobei das Krapfenessen in manchen Gegendenüblich war.² Fische und Schweine als Gericht sind ebenfalls erwähnt.3 Relativ gut untersucht, sind dieGebildbrote, die an diesem Termin gebacken beziehungsweise verschenkt wurden. Das Wort wurde vonE. L. Rochholz im 19. Jahrhundert geprägt, der damit handgeformte Gebäckarten in Symbolform mein-te.4 Leopold Schmidt berichtete 1940 vom Wiener Brauch am Silvesterabend einen Fisch aus Lebkuchenzu essen, wobei mit dem Schwanzende begonnen werde. Ernst Burgstaller nennt Gebäckfische auch fürNiederösterreich und Oberösterreich, die an die Dienstboten verteilt wurden.5 Ob ein Zusammenhangzum jüdischen Rosch Haschanah- Fisch besteht, wurde noch nicht untersucht. Heilige der Jahreswendewaren ebenfalls Motive auf Lebkuchen. Neujahr war einer der möglichen Termine, an denen Kinder vonihren Paten Geschenke, auch in Form von Gebildbroten erhielten. In Vorarlberg waren dies Zöpfe undRinge, die Buben und Mädchen gleichermaßen bekamen. In Oberösterreich gab es in vielen Bezirkengeflochtene Striezel für Buben und Kränze für die Mädchen. Nicht nur für Patenkinder, sondern auch alsNeujahrsgeschenke in der Familie oder unter Bekannten wurden stern-, schnecken- und spiralförmigeBrote hergestellt, von denen bei Burgstaller das neunspeichige Neujahr" aus dem Mühlviertel her-vorgehoben wird, das er als ein Symbol für die Jahreswende deutet."