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Franz Grieshofer
Perchten- Maskengestalten der Mittwinterzeit
Die Mittwinterzeit bildet einen wichtigen Abschnitt im Jahreslauf. Sie umfaßt jene Übergangszeitwährend der Wintersonnenwende, die den Menschen zu allen Zeiten in besonderer Weise sensibili-sierte. Sie läßt ihn einerseits seine endliche Existenz, seine Ausgesetztheit spüren, ihn andererseitsaber voll Hoffnung das Kommende erwarten. Die Aussicht auf den Sieg der Sonne über die Dunkelheitgab in der antiken wie in der germanischen Welt Anlaß, die Tage rund um die Wintersonnenwende mitausgiebigen Gelagen zu feiern. Durch die Übertragung des Weihnachtsfestes auf diesen Termin erfuh-ren das Julfest wie die Saturnalien eine christliche Umdeutung. Je nach Tradition bilden seither dasGeburtsfest Christi oder Epiphanie den Höhepunkt der Mittwinterzeit. In der Erinnerung lebt diesekultische Festzeit in den„ Zwölften" jedoch fort, aus der besonders jene rauhen Tage und Nächtehervorragen, die nach dem alten Kalender Anfang und Ende markieren.
So ist es auch kein Zufall, daß gerade an jenen Tagen der Mittwinterzeit, die voller Vorbedeutung fürdas kommende Jahr sind, eine Vielzahl unterschiedlicher Maskengestalten auftreten. Es handelt sichdabei vordergründig um Personifizierungen der jeweiligen Kalenderheiligen. Ihr Auftreten soll nichtnur dazu dienen, sich den Termin ins Gedächtnis zu prägen, sondern auch helfen, dem Vorbild nachzu-eifern. Das beginnt in der Adventzeit mit dem Erscheinen des hl. Nikolaus und seiner dunklen Beglei-ter und endet mit der Verbrennung des Faschings am Vorabend der Fastenzeit. Neben den Heiligenbegegnen uns in der Mittwinterzeit aber auch eine Reihe mythischer Wesen und zwar sowohl in realerMaskengestalt als auch in der glaubensmäßigen Vorstellungswelt. Sie sind gekennzeichnt durch ihreambivalente Erscheinungs- und Verhaltensweise, die gleichermaßen das Helle und Dunkle, das Schö-ne und das Häßliche, Tod und Leben, Verderben und Fruchtbarkeit einschließt.
Unter diesen Brauch- und Glaubensgestalten nimmt die Percht eine besondere Stellung ein. Wie dieKarten im Österreichischen Volkskundeatlas' zeigen, tritt die Percht unter der Bezeichnung Frau Bercht,Berchtlfrau, Berchtlmuada, Perschtl, Berigl, Bechtra, Bechtrababa, Stampa, Sampa, Zampermutta,Pudelfrau oder Rauhweib Glossar ::: zum Glossareintrag Rauhweib im gesamten alpinen Raum auf. Ihr Haupttermin ist die Nacht vom 5. auf den6. Jänner, die auch als Perchtennacht bezeichnet wird. Als weißverhüllte Frauengestalt erscheint sie alsLutzl jedoch bereits am 13. Dezember, der vor der Gregorianischen Kalenderreform als der Tag der Win-tersonnenwende galt und der im Kalender mit der Lichtgestalt der hl. Lucia besetzt wurde.3 In der Regelbegegnet uns die Percht jedoch als häßliche, in Pelz gehüllte, langhaarige Jahresalte. Charakteristischfür die Percht ist auch die lange Nase. Dieses Merkmal wird bereits im Mittelalter von Hans Vintler indem Gedicht„, Blumen der Tugend", in dem er sich gegen den Aberglauben an die Frau Bercht mit dereisernen Nas wendet, hervorgehoben und in einem Holzschnitt bildlich veranschaulicht. Man denktdabei unwillkürlich an die Schnabelperchten von Rauris. Weitere typische Attribute der Percht sind derBuckelkorb sowie Schere oder Messer zum Bauchaufschneiden und Augenausstechen. Ersterenbenötigt sie- wie uns in den Erzählungen berichtet wird- zum Einsammeln der ungetauft verstorbenenKinder. Die Percht gilt nämlich als Seelenführerin, als Anführerin des Totenheeres( der Wilden Jagd),und als Schicksalsfrau, deren Wohlwollen es durch die Bereitstellung von sogenannten Perchtenspei-sen zu erringen gilt. Als Hüterin der häuslichen Ordnung achtet sie auf die Einhaltung des Arbeitsver-botes in den ,, heiligen Nächten" und auf Reinlichkeit. Den Spinnerinnen begegnet sie als Spinnstu-benfrau. In Stellvertretung der Hausleute und der Eltern übt sie ihre Kontrolle unter Androhung drasti-scher Strafen aus, andererseits winkt bei Wohlverhalten entsprechender Lohn in Form von Nüssen undObst. Auf diese Instrumentalisierung der Percht zum Zweck sozialer und pädagogischer Reglementie-rung verweist insbesondere Helmut Fielhauer in seiner ungedruckten Habilitationsschrift.4