So verschieden die Möglichkeiten der Abendgestal-tung sein mögen, zu Mitternacht scheinen sich dieHandlungen der Feiernden auf einige wenige undallgemein übliche zu reduzieren:
Phase 2: Die Schwelle
Der Lärm und die Dynamik dieser wenigen Minutendauernden Übergangszeit sind erstaunlich: Knaller,explodierendes Feuerwerk, Kirchenglocken, Wal-zermusik, Sektkorken und„ Prosit!". Die Abfolgeder einzelnen Rituale, die uns„ über die Schwellehelfen", ist rigide, um nicht zu sagen sakral festge-legt: Niemandem würde es einfallen, schon vor Mit-ternacht ein gutes neues Jahr zu wünschen oderWalzer zu tanzen. Wer die Ordnung durchbricht,wird nicht gehört.
Schon im Ansatz werden diese Rituale von den Fei-ernden wiedererkannt, da sie ja jährlich immer aufdieselbe Art und Weise verrichtet werden; dadurchwird es ihnen leichter, sich in dieser auch als,, Umwandlungsphase" genannten Zeit zu orientie-ren. Die ritualisierten Handlungen machen diesewenigen Minuten kalkulierbarer. Nach der Theorieder Übergangsriten nehmen wir in dieser zweitenund wichtigsten Phase eine Art Seitenwechsel vor.Wir identifizieren uns weder völlig mit dem alten,noch mit dem neuen Jahr. Symbole, in diesem Fallzu hundert Prozent positiv, dramatisieren rituellunseren„, Schwebezustand". Gleichzeitig mit demÜberreichen von Schweinen, Pilzen und Rauchfang-kehrern wünschen wir den anderen Glück, Gesund-heit und Erfolg. Negatives bleibt aus-gespart.50 Nun ist das neue Jahrakzeptiert. Jeder kann wieder seinerWege gehen und dort weiter feiern,wo er vor Mitternacht aufgehört hat.
Phase 3: Die Angliederung
Mit der Silvesternacht ist der Über-gang noch nicht abgeschlossen.Auch der Neujahrstag ist mit rituellenElementen besetzt:„ Katervorsorgeist für die Katz. Mit Schädelweh insneue Jahr" schrieb„ Der Standard" ineiner Artikel- Überschrift zwei Tagevor Silvester.51 Was von mehrerenSeiten also schon vorprognostiziert
wurde, trifft dann häufig auch ein: ÜbermäßigerAlkoholkonsum und vor allem eine lange Nacht sor-gen meist für einen eher ruhigen Neujahrstag, der,wenn überhaupt, nur von wenigen Handlungengeprägt ist: Besonderer Beliebtheit- davon zeugenEinschaltquoten auf der ganzen Welt- erfreut sichdas Verfolgen der Live- Übertragung des Neujahr-skonzertes der Wiener Philharmoniker mit einge-spielten vorproduzierten Choreographien der Wie-ner Staats- und Volksopernballette oder auch desSportereignisses des Tages, dem Neujahrs- Schi-springen im Rahmen der Vierschanzen- Tournee.Glückwunsch- Besuche bei Verwandten und Freun-den am Nachmittag lassen den müden 1. Jännergemütlich ausklingen.
Der erste Tag im neuen Jahr ist also vorbei. Wir sindwieder eingegliedert in den Lauf des Jahres, daswohl jetzt erst so wirklich beginnt.
Die Brauchelemente im einzelnen
Die in der Ausstellung herausgegriffenen Brauch-elemente sollen auch hier ausführlicher behandeltwerden. Bei der Auswahl der Themen sind wieder-um die Brauchformen der Gegenwart ausschlagge-bend.
Der Lärm
Für Ingeborg Weber- Kellermann ist der Lärm daswichtigste Brauchelement des Jahreswechsels:,, Trotz aller Polizeiverbote ist diese Nacht erfüllt
von Schießen und Geknalle, des-sen Ursprünge und Motive nebender oft erwähnten Dämonenab-wehr Ausgelassenheit war." 52 DerBegriff Lärm ist im Zusammen-hang mit dem Ankündigen desneuen Jahres jedoch erweiterbar:Glöcklerläufe und Perchtenumzü-ge mit ihrem Läuten, Geschrei undTrommeln gehören genauso dazuwie Schnalzen, Silvester- und Neu-jahrsschießen, Feuerwerk, Turm-blasen, aber auch Glockenläutenund Musik als geordneten Lärm.53Ein Jahreswechsel ohne Lärm isteigentlich kaum vorstellbar.
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