Druckschrift 
2000 - Zeiten, Übergänge : zur Konstruktion der Jahrtausendwende ; Begleitpublikation zur Ausstellung: ..., 3. Dezember 1999 bis 13. Februar 2000
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Jahr 325 manifestiert. Silvesters Attribut ist derSchlüssel in der Hand- ein Symbol für das Öffnenund Schließen des alten und neuen Jahres. Oft wirder mit einem ihm zu Füßen liegenden Drachen darge-stellt, der einer anderen Legende nach die Stadt Rommit seinem Gifthauch bedroht haben und beimAnblick Silvesters gelähmt vor seiner Höhle liegengeblieben sein soll beziehungsweise auch mit einemStier, der auf die Rolle des Heiligen als Beschützerder Haustiere verweist. Silvester gilt zudem alsPatron für ein gutes Futterjahr. Zwar begeht die Kir-che sein Fest seit dem Jahr 354, jedoch wird der Hei-lige erst seit der verbindlichen Festlegung des 1.1. alsNeujahrstermin durch Papst Innozenz XII. im Jahr1691 am 31.Dezember gefeiert.47

Silvester: Das ist ein Abend, eine Nacht, ein Neu-jahrstag. Dieser Meinung war auch LeopoldSchmidt in seinem 1940 erschienenen Abriß derWiener Volkskunde und bezeichnete es gleichzeitigals bedeutendstes Fest für die Städter.48 Doch wasmacht diesen Jahreswechsel im konkreten aus? Istes der Silvesterpfad, das Feuerwerk, der Sekt, dasLäuten der Pummerin? Oder ist es alles auf einmal?Silvester kann in viele verschiedene Elemente zer-legt, in einzelne Rituale aufgesplittet werden, dieals Ganzes dann wieder diesen Abend, diese Nachtund diesen Neujahrstag ergeben. Diese Rituale derSilvesternacht möchte ich den drei charakteristi-schen Phasen eines Übergangs, die der EthnologeArnold van Gennep in seiner Theorie der Über-gangsriten begründet hat, zuordnen: der Tren-nungs-, der Schwellen- und der Angliederungs-phase.

Folgen wir diesem Gedanken der Trennung, desÜbergangs und der Angliederung, werden wir miteinem Ablauf konfrontiert, der uns möglicherweisebanal, weil allzu vertraut erscheint. Abendessen?Fernsehprogramm? Bleigießen? Feuerwerk? Abergerade die Vertrautheit dieser in der Ausstellungthematisierten und kulturhistorisch analysiertenRituale der Silvesternacht lassen schnell größereZusammenhänge erkennen: Der Jahreswechsel alsimmer wiederkehrender Neubeginn ist durch diesefestgesetzten profanen beziehungsweise auchsakralen Handlungen- denken wir an das obligato-

rische Verlesen des Jahresrückblicks in der Kirche-streng reglementiert. Womit wir wieder bei vanGennep wären. Für ihn sind solche Reglementierun-gen elementar für die Orientierungsfähigkeit einerGesellschaft.

Phase 1: Trennung und Vorbereitung

,, Wieder ein Jahr vorbei. Wieder beginnt eines neu.Wieviele sind dir gegeben? Mensch, halt ein! Allzu-schnell endet dein Leben!" 49

-

Unser Silvester ist ein Fest mit exzessiven, aberauch reflektierenden und kontemplativen Momen-ten. Die Kirche begeht diesen Abend häufig miteiner ,, Jahresschlußandacht", in welcher über Freudund Leid in der Pfarre berichtet wird, in PredigtenGedanken über Tod und Leben zum Ausdruck kom-men. Auch wir haben gelernt ähnlich wie beianderen Übergängen, beispielsweise von einemLebensjahr in ein anderes- Rückschau zu haltenund zu beurteilen, was gut und was schlecht war.Die Konsequenzen aus diesen Überlegungen, diesogenannten guten Vorsätze", die wir uns auferle-gen, bekommen allerdings erst im Austausch mitanderen Kontur; nur dadurch wird deutlich, daß wirvorhaben uns zu bessern.

Wir sind uns also des Abschieds vom alten Jahrbewußt und beginnen uns in Gedanken und Hand-lungen von ihm zu lösen. Die Möglichkeiten hierfürsind vielfältig, fast jeder hat sie in der einen oderanderen Form selbst schon einmal durchgespielt:Was für die einen die meditative Feier im KreiseGleichgesinnter, ist für andere der gemütlicheAbend mit der Familie zuhause: ein gutes Essen, einSilvester- Fernsehprogramm zur Überbrückung der,, zähen" Stunden, unterhaltendes Bleigießen undandere Gesellschaftsspiele. Wer's ausgelassenermag, trifft sich mit Freunden und Bekannten außerHaus, auf Parties, beim Punschstand auf dem Silve-sterpfad oder genießt ein organisiertes Diner, des-sen erlesene Speisenfolge die Besonderheit desAbends repräsentiert.

51