Druckschrift 
2000 - Zeiten, Übergänge : zur Konstruktion der Jahrtausendwende ; Begleitpublikation zur Ausstellung: ..., 3. Dezember 1999 bis 13. Februar 2000
Entstehung
Seite
44
Einzelbild herunterladen
 

Zur Geschichte der Kartengeschenke

Aus der Zeit des 14. und 15. Jahrhunderts stammendie ältesten Belege für Kartengeschenke. Es warenNeujahrsbildchen, die das Christuskind als Glücks-bzw. Neujahrsbringer zeigten. Im 15. Jahrhunderterfreute sich das Neujahrsbild in Form von kleinenGedenk- und Einlegeblättchen, das waren zumeistkolorierte Holzschnitte oder auch Kupferstiche, be-sonderer Beliebtheit. Das Jesuskind wurde dabeinackt oder wenig bekleidet dargestellt, Wünschefür das neue Jahr- oft in Spruchbändern- verstärk-ten die Neujahrsbotschaft. Gedruckte, aber auchgemalte Neujahrsbilder wurden vor allem vonGeistlichen und Adeligen den Neujahrsbriefen alskleines Geschenk beigelegt. Im Barock erreichtenderartige Kleindrucke ihren Höhepunkt.21

Etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts verbreitetesich vom französischen Hof ausgehend das Überrei-chen kunstvoll verzierter Besuchskarten zu Neujahrund anderen besonderen Anlässen. Diese soge-nannten Spielkarten zeigten auf der einen Seite einSpielkarten- Motiv, auf der anderen den Namen desBesuchers. Die Besuchskarte verlor dann jedochdurch das Aufkommen der Glückwunschkarte,deren Motive außerdem mehr und mehr, weltlich"

Qui vive?-Wer da? Retirirt!

Passirt

Neujahrskarte 1810Historisches Museumder Stadt Wien,Studiensammlung

Ich bin

geworden waren, an Bedeutung. Auch die Darstel-lung des glückbringenden Christuskindes hatteeine Veränderung durchgemacht, in seiner Gestaltwar es nun oft ähnlich jener Amors.22

Das Schreiben von Neujahrskarten war vorerst einCharakteristikum der gebildeten Stände. Auchderen Kinder verbrachten ihre Zeit vor Weihnachtendamit, fein säuberlich geschriebene und verzierteWeihnachts- und Neujahrsbriefe an ihre Eltern undGroßeltern zu richten. Gedruckte Weihnachts- undNeujahrskarten tauchten erstmals nach 1840 inEngland auf. Da Druck und Porto vorerst sehr teuerwaren, blieb das Versenden von Neujahrskartennoch bis auf weiteres bestimmten Schichten vorbe-halten. 23 Um die Jahrhundertwende setzte durchneue Druck- und Prägetechniken, schließlich auchdurch die neue Technik der Fotografie, ein Boomder Bildkarte ein. Die Postkarte wurde zum Mas-senkommunikationsmittel für alle Schichten, wobeilediglich die Anzahl und Qualität der verschicktenPostkarten ein schichtspezifisches Unterschei-dungskriterium bildeten.24

Ab den 50er Jahren unseres Jahrhunderts wurdenWeihnachts- und Neujahrswünsche immer öftermiteinander kombiniert. Bildmotive vermischensich, werden ,, multifunktionaler": Eine Winterland-schaft, das Bild der drei heiligen Könige, Christ-baumkugeln und Tannenzweige- jedes Motiv, dasannähernd mit den Geschehnissen rund um Advent,Weihnachten, Neujahr und 6. Jänner zu tun hat,wird mit Frohe Weihnachten und ein gutes NeuesJahr!" oder ähnlichen Wünschen kombiniert.25 Mitden Virtual christmas cards, die über das Internetverschickt werden, finden Weihnachts- und Neu-jahrsgrüße ihre moderne und kommode Fortset-zung. Dadurch wird zwar möglicherweise der weih-nachtliche Postverkehr entlastet, dafür aber Inter-netressourcen stärker strapaziert- und das kannbei Usern mitunter ungewollten Ärger herbei-führen.

Die Übergangsriten der Mittwinterzeit

Die volkskundliche Brauchforschung trennt, wiebereits erwähnt, Silvester meist nicht von früherenJahresanfängen und Lostagen, wie beispielsweisedem Andreastag oder dem Epiphaniastag, dem 6.

44