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2000 - Zeiten, Übergänge : zur Konstruktion der Jahrtausendwende ; Begleitpublikation zur Ausstellung: ..., 3. Dezember 1999 bis 13. Februar 2000
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sich in der Praxis erst nach und nach durchsetzenkonnte, kam diesem Tag nicht sofort besondereWichtigkeit zu. Die alten christlichen Jahresanfän-ge, die oftmals in der Geschichte eine Verschiebungerfahren mußten, hatten vor allem für die ländlicheBevölkerung nicht an Bedeutung verloren: Ihr Den-ken und ihre Handlungen waren weiterhin auf dieMittwinterheiligen ausgerichtet, sie bereiteten sichauf Rauhnächte vor und veranstalteten Lärmumzü-ge. Daß Silvester zu einem bürgerlichen Fest wurde,daran war auch die Kirche nicht unbeteiligt: Sie fei-erte allerdings erst seit Ende des 13. beziehungs-weise Beginn des 14. Jahrhunderts- am 1. Jännerdie ,, Beschneidung des Herrn" ohne bedeutendenRitus und begeht heute an diesem Tag das, Hoch-fest der Gottesmutter", das jedoch nicht die Bedeu-tung anderer Marienfeste hat. Für die Kirche warund ist der erste Adventsonntag als Beginn desliturgischen Jahres von größerer Bedeutung. DasNeujahrsfest blieb somit ein weltliches Fest, dassich vor allem in den Städten auf die Nacht des31.12. beschränkte.1

Eine kulturhistorische Ausstellung, die sich mitdem Übergang in ein neues Jahr befaßt, kann alsonicht nur Silvesterabend und Neujahrstag themati-sieren, sie kommt nicht umhin, sich auch mit derMittwinterzeit auseinanderzusetzen. Doch derReihe nach: Wie haben antike Kulturen ihr Neu-jahrsfest gefeiert?

Feiern zum römischen Neujahr

Der 43 v. Chr. geborene römische Dichter PubliusOvidius Naso schreibt zu Beginn des 1. Buches sei-ner berühmt gewordenen Fasti", einer poetischenBearbeitung des von Caesar reformierten Kalen-ders, über den römischen Neujahrstag:

,, Ein Tag des Heils beginnt! Laßt alles Böse fern inWorten und Gedanken, jetzt sollt ihr an einemguten Tag nur gute Worte sprechen![...] Siehst du,wie der Himmel vom Weihrauchfeuer leuchtet, wieauf den angezündeten Opferherden die Ähre ausKilikien knistert?[...] Jetzt ziehen neue Rutenbündelvoran, neuer Purpur leuchtet, und neue Männer sit-zen auf den weithin sichtbaren, mit Elfenbeingeschmückten Sesseln.[...] Sei gegrüßt, du froher

Tag, und komm stets froher wieder, würdig, daß einVolk dich feiert, das die Welt beherrscht!" 2

Neujahr wurde bei den Römern im Anschluß an dieSaturnalien gefeiert, dem größten, mehrere Tagedauernden und beliebtesten römischen Volksfestzu Ehren des König Saturnus.

Durch die Verlagerung des Jahresbeginns vom 1.März auf den 1. Jänner im Jahre 153 v. Chr. und durchdie übliche feierliche Amtseinsetzung der neugewählten römischen Konsuln an diesem Tag erhieltder 1. Jänner, von den Römern als Kalendae lanua-riae" bezeichnet, im Festkalender eine besondereBedeutung. Das Neujahrsfest gehörte zu den,, feriae publicae", den sogenannten Staatsfeierta-gen, an denen es- im Gegensatz zu den Werktagen,den sogenannten dies fasti"- erlaubt war, Staats-und Rechtsgeschäften nachzugehen. Die gewähltenKonsuln befragten zumeist schon am Morgen desNeujahrstages die Auspicien", das waren zuerstbesonders ausgewählte, später, zu Ciceros Zeiten,beliebige Personen, die ihnen ihre Zukunft für daskommende Jahr vorauszusagen hatten, indem siebeispielsweise den Himmel beobachteten. Wiederzu Hause empfingen die Konsuln die offiziellenBesucher, nahmen Geschenke entgegen und zogendann auf das Kapitol, wo sie Jupiter, dem Herrscherüber die Götter, einen weißen Stier als Dankesopferdarbrachten und feierliche Versprechungen, diesogenannten, vota publica", leisteten.³

Neubeginn unter der Schirmherrschaftdes Gottes Janus

Neben dem Hauptopfer auf dem Kapitol für den,, besten und größten" der Götter, für, luppiter Opti-mus Maximus" also, wurde an diesem Tag auch derGöttin Juno, der Schwester und gleichzeitigen FrauJupiters gehuldigt, welcher die Kalenden, alsojeweils der erste Tag eines Monats, geweiht waren.Und dann feierte man an diesem Tag auch GottJanus, den angeblichen Urkönig von Latium, der zueiner Zeit, als die Götter noch auf der Erde wohnten,das Land beherrschte und der den von Jupiter ver-triebenen Saturnus, welcher den Ackerbau unddamit die Zivilisation nach Latium gebracht hatte,Herberge gewährte.4 Mit seinen beiden Gesichternsymbolisierte Janus Vergangenheit und Zukunft

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