Thermidor( Monat der Hitze), und Fructidor( Monatder Früchte) 30. Wie zu erkennen ist, hielt sich dieKommission in der Benennung an jahreszeitlicheGegebenheiten, und griff dabei auf den eingangserwähnten ikonographischen Kanon ihrer Darstel-lung zurück.
Diese 12 Monate ergaben nun eine Anzahl von 360Tagen pro Jahr. Die verbleibenden fünf beziehungs-weise sechs Tage wurden als Feiertage en blocangehängt. Sie galten den von Robespierre ge-puschten republikanischen Eigenschaften: Les Ver-tus( Tugend), Le Génie( Genie), Le Travail( Arbeit),L'Opinion( Meinung) und Les Récompenses( Beloh-nung). Schalttage sollten dem Sport gewidmet wer-den.
Der neue Kalender ersetzte den alten vollständigund war bis ins gregorianische Jahr 1808 in Verwen-dung. In diesem Jahr führte Napoleon Bonaparteden alten Kalender wieder ein, um damit seineDankbarkeit dem Papst gegenüber zu bezeugen,der Napoleons Oberherrschaft über Frankreich unddas eroberte Europa anerkannt hatte.³¹
Aus ähnlichen Überlegungen wie sie die Einsetzungdes Republikanischen Kalenders in Frankreichbegleiteten, also um sich von einer Zeitrechnung,die mit dem Papsttum identifiziert wird, zu distan-zieren, wurde in der Sowjetunion im Jahre 1929 einKalenderexperiment begonnen, das den erst 1918eingeführten gregorianischen Kalender- bis dahinhatte noch der julianische gegolten- ersetzen soll-te. Dazu kam eine andere Motivation, die sich ausden Leitmotiven des Sozialismus ergibt:
Die Überlegung war, eine Zeiteinteilung zu finden,die der Arbeit in den Fabriken dienlich war. Ziel wares, die Arbeit kontinuierlich fortlaufen lassen zukönnen und Tage des Stillstandes- wie Sonntageoder Feiertage- zu vermeiden. Also wurde das Jahrin Fünf- Tage- Wochen eingeteilt. Jeder Arbeiter undjede Arbeiterin sollte nun vier Tage arbeiten undeinen Tag frei nehmen. Welcher der fünf Tage derfreie war, wurde nicht einheitlich festgelegt, son-dern individuell per Los bestimmt. Der Effekt war,daẞ an allen Tagen vier Fünftel der Beschäftigten anihren Arbeitsplätzen anwesend waren. Es ergabensich aber auch zahlreiche Probleme: so kam es häu-
fig vor, daß Personen, die zusammenarbeiten muß-ten, an verschiedenen Tagen frei hatten und sich niegemeinsam am Arbeitsplatz befanden, ihre Arbeitalso überhaupt nicht mehr verrichten konnten. UndFamilien konnten ihren freien Tag nicht gemeinsamverbringen, weil die Mitglieder an verschiedenenTagen arbeiteten.32
Anders als in Frankreich wurde in der Sowjetunionder gregorianische Kalender nicht aus machtpoliti-schen Überlegungen wieder eingeführt, sondernweil sich die neue Zeitrechnung als unbrauchbarerwiesen hatte. Sukzessive wurde der sogenannteSowjetkalender zurückgenommen, bis er 1940 voll-kommen ad acta gelegt war.
Schofar, Türgötter und Mohammed:
die jüdische, chinesische und muslimischeZeitrechnung und das Feiern des neuen Jahres
Die meisten Staaten der Erde bedienen sich heutedes gregorianischen Kalenders. Flugpläne undWirtschaftstreffen werden anhand seiner Strukturorganisiert. Daneben existieren aber nach wie vorunzählige andere Zeitrechnungen, die nichts anihrer Bedeutung für die großen oder kleinen sozia-len Gruppen, die sie erfunden haben und verwen-den, verloren haben. Die chinesische, jüdische undmuslimische Zeitrechnung sind drei davon, die vonsehr vielen Menschen- oft allein in religiösenZusammenhängen- als die ihrigen empfunden wer-den und in Benützung sind.
Chinesischer Lunisolarkalenderund das Frühlingsfest
Im sechsten Jahrhundert vor der Geburt Christiwurde in China ein neuer Kalender basierend aufBeobachtungen und Berechnungen von Astrono-men eingeführt. Es war ein Mondkalender, genauerein Lunisolarkalender, der sich an den zwölf Tier-kreiszeichen( Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd,Ziege, Affe, Hahn, Hund, Schwein, Ratte und Ochse)orientierte und dem ein 19- Jahreszyklus zugrundelag. Innerhalb von neunzehn Jahren erhielten dieJahre vier verschiedene Längen: 354, 355, 383 oder384 Tage. Ein Jahr wurde in Abschnitte von 14 bis 15Tage geteilt, also Abschnitte vom Neulicht( diedünne Mondsichel nach dem Neumond, auch Neu-
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