ten der Informationstechnologien wurde er zurdominantesten Kalenderform überhaupt. Dabeiübersehen wir leicht, daß es viele andere Formender Zeitrechnung auf der Welt gibt, die heute nachwie vor verwendet werden und daß es immer wie-der bis heute Versuche gegeben hat, den gregoria-nischen Kalender zu ersetzen.
Exkurs I: Kalender und Almanache
In Europa waren also im Mittelalter Kalenderzunächst ein Privileg der Mächtigen, was auch mitdem Herstellungsaufwand von Büchern zu tun hat.Handgeschriebene Kalender wurden in Klösternaufbewahrt und die Bevölkerung von der Kanzelherab über anstehende Festtage, Zins- oder Markt-termine informiert. Seit dem frühen Mittelalterwaren aber bereits einfache Holzkalender verbrei-tet, Holztafeln oder-stöcke, in die Kerben für dieeinzelnen Tage geschnitzt wurden, wobei die Sonn-tage größer gearbeitet waren. Ab dem 12. Jahrhun-dert gab es außerdem Einblattkalender für denEigengebrauch.22
Der älteste erhaltene Holztafeldruckkalenderstammt aus dem Jahr 1439 und wurde von Johannesvon Gmunden angefertigt. Der älteste erhaltene mitbeweglichen Lettern gedruckte Kalender ist dersogenannte Türkenkalender von 1454. Bemerkens-wert ist, daß bereits in diesem Exemplar die großeVerbreitung von Kalendern dazu genutzt wurde,Ideen und Vorstellungen zu transportieren bezie-hungsweise Werbung oder Propaganda zu verbrei-ten. In diesem Fall waren es die Türken, vor denenmit einem Reim nach jedem Monatskalendariumgewarnt wurde. 23 Kalender waren sofort nach Erfin-dung des Buchdrucks mit beweglichen Letternneben den Bibeln die Textsorte, die am häufigstengedruckt wurde. Von Anfang an erschienen auchthematische Kalender, die neben dem KalendariumInformationen zu bestimmten Themen enthieltenwie Astronomie, Astrologie, Wetterkunde oderMedizin; die Laxierkalender gaben beispielsweiseden besten Zeitpunkt zum Abführen an. Bis ins 16.Jahrhundert waren Einblattkalender die dominie-rende Kalenderform und wurden dann von buchför-migen Kalendern, also Almanachen, abgelöst.
Grundsätzlich werden zwei Formen von Almanach-en unterschieden: Schreibkalender, die Platz füreigene Notizen lassen, und sogenannte Volks- oderHauskalender, die Eintragungen nicht vorsehen.Enthalten die Kalender überwiegend landwirt-schaftliche Informationen werden sie auch Bauern-kalender genannt.24
Schreib- und Hauskalender gliedern sich meist indrei Teile: das Kalendarium, die Practica und einenUnterhaltungsteil. Das Kalendarium gibt die Tageund Monate eines Jahres an, kirchliche Feste, Heili-gentage, astronomische Daten wie Vollmonde oderÄquinoktien, aber auch die Goldene Zahl, denIndiktionszyklus und ähnliches. Die Practica bietendie erwähnten Prognosen, Vorhersagen bestimmterEreignisse oder des Wetters, oft anhand von Losta-gen, sowie alle möglichen praktischen Hinweisewie Arbeitsanleitungen für die Landwirtschaft,Medizinische Ratschläge, ein Verzeichnis der Jahr-märkte, Maße und Gewichte, Zinstage oder Postge-bühren. Der Unterhaltungsteil wurde im Laufe derZeit immer wichtiger und dicker. Im 16. und 17. Jahr-hundert finden sich hauptsächlich Berichte überhistorische Ereignisse wie Kriege, Katastrophen,Herrschaftsantritte. Im 18. Jahrhundert verlagertsich das Gewicht auf Schwänke, Anekdoten undmoralische Geschichten, im 19. Jahrhundertschließlich kommt„ Heimatkundliches" hinzu, diehistorischen Berichte werden sorgfältiger, Statisti-ken beliebt, Berichte von neuesten technischenErrungenschaften, Witze und Rätsel werden einge-fügt. Außerdem setzt die„ Literarisierung" desKalenders ein: zunehmend veröffentlichen auchbekannte Autorinnen und Autoren wie Roseggeroder Anzengruber ihre Werke in Kalendern; der,, Rheinische Hausfreund" wurde beispielsweisevon Johann Peter Hebel herausgegeben. Die litera-rische Gattung„ Kalendergeschichte" entstand. DieTendenz der Berichte ging im Laufe des 20. Jahr-hunderts immer mehr in Richtung Lokalthemen,ihre Bedeutung gegenüber anderen Kalenderfor-men sank stetig. 25 Im 18. Jahrhundert wurdenneben Kalendermedaillen auch Portemonnaieka-lender beliebt, die Produktion von Taschenkalen-dern begann, die im 19. Jahrhundert mehr und mehrverwendet wurden. 1897 wurde der Abreißkalender
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