M. TERENTIUS VARRO.er der gelehrtesten Bürger Roms in Jahr der Wele 3861 geb. and 3937 gest.
Marcus Terentius VarroBildarchiv, ÖNB Wien
deten Traditionen, die von den Christen aufgegrif-fen wurden. Als die christliche Religion immer mehrEinfluß gewann und auch politische Systeme beein-flußte, war es nur eine Frage der Zeit, wann sie eineeigene Zeitrechnung schaffen würde.
Diokletian, Dionysius und Gregor:Grundsätze der christlichen Zeitrechnung
Der julianische Kalender wurde von den Christenübernommen und bis zu seiner Reformierung im 16.Jahrhundert unverändert beibehalten. Der Punkt, indem die christlichen Länder lange keine Überein-stimmung erzielten, war der Anfang des Jahres, alsodas Ereignis, mit dem das Jahr 1 fixiert werden sollte.
Bevor ich diesen Umstand näher ausführe, sollzunächst eine andere, heute nicht mehr so bekann-te von Christen verwendete Zeitrechnung vorgestelltwerden: die Zeitrechnung, die mit dem AmtsantrittKaiser Diokletians beginnt( nach unserer Zeitrech-nung 284 n. Ch.), daher auch„, Diokletianische Ära❝14genannt wird und das ägyptische Jahr zur Grundlagehat. Ihr zweiter Name„ Märtyrer- Ära“ erklärt, wes-halb Diokletian für die frühen Christen von besonde-
rer Bedeutung war: während seiner Regierungszeitfanden große Christenverfolgungen statt.
Auf dieser Zeitrechnung basierte die OstertafelBischof Kyrills von Alexandrien, die 531 n. Ch.( imJahr 247 diokl.) auslief und die Abt Dionysius Exi-guus¹5 weiterführen sollte. Über Dionysius ist wenigbekannt, er war ein skythischer Mönch, der in derersten Hälfte des 6. Jahrhundert in Rom lebte undunter anderem eine Sammlung kirchlicher Gesetzezusammenstellte. Er beschloß offenbar, bei derWeiterberechnung der Ostertafel den julianischenKalender zu verwenden und ihn mit der„, incarnatio-ne domini nostri lesu Christi", mit der ,, Menschwer-dung unseren Herrn Jesu Christi", beginnen zu las-sen, wobei er bei den Daten des Osterfestes denMeton'schen Zyklus zu Hilfe nahm. Dionysiuserrechnete nun, daß Christus vor 532 Jahren gebo-ren worden sein müßte und setzte für das Jahr Chri-sti Geburt die Zahl 1. Er selbst befand sich somit imJahr 532 nach der Menschwerdung. Als Jahresan-fang setzte er aber nicht die Geburt Christi, die mitdem 25. Dezember angegeben wurde, sondern den1. Jänner also den Beginn des römischen Verwal-tungsjahres, der mit der Beschneidung Christi( Circumcisio Christi) besetzt war. Die Zeitberech-nungsmethode des Dionysius Exiguus wurde baldvon den Christen allgemein verwendet, wenn auchdie Diokletianische Ära weiterbestand. Zwei Konse-quenzen ergaben sich aus dieser neuen Art der Zäh-lung: erstens beginnt die christliche Zeitrechnungmit dem Jahr 1 und nicht mit dem Jahr o, weshalbein Jahrhundert- oder Jahrtausendwechsel immermit dem Jahr 1 der neuen Epoche anfängt. Alsobeginnt das dritte Jahrtausend mit Neujahr 2001,nicht mit Neujahr 2000. Und zweitens verrechnetesich Exiguus um etliche Jahre, Christus kam einpaar Jahre vor dem Jahr 1 auf die Welt. Da dieserRechenfehler in der Zeitrechnung aber nie korrigiertwurde, wird bis heute allgemein das Jahr 1 mit Chri-sti Geburt gleichgesetzt. Dennoch: das Jahr 2000liegt nicht genau 2000 Jahre nach Christi Geburt.
Wie gesagt, wurde die Methode des DionysiusExiguus unter den Christen rasch aufgenommen.Allein der Beginn des Jahres differierte das ganzeMittelalter hindurch stark. Es existierten nebenein-ander unterschiedliche sogenannte Stile der Zeit-
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