Wenn die Erde einmalum die Sonne läuft?Die Berechnung undBemessung der Zeit auskulturwissenschaftlicher Sicht
Kathrin Pallestrang
AGSTAL
Globus von 1877Technisches Museum Wien
Wir schreiben das Jahr 2000. Kalender auf derganzen Welt zeigen diese Jahreszahl, auf die wirkommen, weil im frühen Mittelalter der MönchDionysius Exiguus errechnete, vor wie vielenUmdrehungen der Erde um die Sonne- also vor wievielen Jahren- Jesus Christus geboren worden war.Danach nahm er das Geburtsjahr Christi als Jahr 1einer neuen Zeitrechnung, der christlichen Zeitrech-nung, und befand sich nunmehr im Jahre 532 nachChristi Geburt. Diese Art, die Zeit zu zählen, setztesich in einem langen Prozeß auf der ganzen Weltdurch, obwohl sich Exiguus vermutlich um ein paarJahre verrechnet hatte.
Die Zeitberechnung basiert auf natürlichen Grund-lagen, Zeit wird an Sonne oder Mond gemessenoder an Zuständen von Atomen. Dennoch ist dieZeitrechnung nichts Natürliches, Unverrückbares:Welcher Art und Weise die Zeit zu messen der Vor-zug gegeben wird, ob Periodenbildungen an derSonne oder am Mond orientiert werden, ist eineFrage des Zeitbewußtseins einer Kultur.
Das Jahr o oder 1 fast jedes Kalendersystems wirdbei einem Ereignis von großer Bedeutung ange-setzt. Charakteristisch dabei ist, daß der Beginnvieler Zeitrechnungen im nachhinein festgesetzt,also die Zählung nur selten in ihrem ersten Jahr ein-geführt wurde. Der Ausgangspunkt einer Zeitrech-nung ist also Ausdruck des Selbstverständnisseseiner Gesellschaft oder ihres Werte und Normenvorgebenden Teils.
Die Geschichte der Zeitrechnung ist auch eineGeschichte von Machtverhältnissen: wer Macht hat,bestimmt, wie die Jahre gezählt werden; oderanders gesagt: wer den Diskurs dominiert, also dieThemen einer Gesellschaft festlegt, legt auch dieGrundlage der Zeitrechnung fest. Zeit ist nurscheinbar naturgegeben.
Indem ihre Entwicklungslinien und ihre Bedeu-tungszusammenhänge nachgezeichnet werden,sollen im folgenden historische und rezente Zeit-rechnungen als kulturelle Markierungen vorgestelltund begreifbar gemacht werden. Periodisierungensind keine natürlichen Gegebenheiten, sonderngesellschaftliche Realitäten, die kulturelle Formen
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