tengraphiken besitzt, vermögen die geschichtliche Dimension derVolkstracht zu erhellen. ,, Sachzeugnisse", ganze Männer- und Frauen-trachten an lebensgroßen Figurinen, einzelne Trachtenstücke undtrachtliches Zubehör, wie sie in jahrzehntelanger Sammelarbeit ausSüdtirol zustandegebracht worden sind, eröffnen Einsichten in dietrachtliche Wirklichkeit der letzten 100 bis 150 Jahre. Im Mittelpunktder Ausstellung stehen indes die Trachtenaquarelle aus dem„, Gra-phischen Werk von Erna Moser- Piffl", jener Wiener Künstlerin, diebereits in ihren jungen Jahren einen völlig selbständigen Wegkünstlerischer Entfaltung gefunden hat. Im Schwunge des geistigenAufbruchs der Jugend nach dem Ersten Weltkrieg wandte sie sich inden zwanziger Jahren der volkskundlich ungemein wertvollen Aufgabezu, die untergehenden Volkstrachten zu erforschen und im Bilde fest-zuhalten; ein Unterfangen, das im gleichen Ausmaß künstlerischeFähigkeit und wissenschaftliche Einsicht zur Voraussetzung hatte.Erna Moser- Piffl, deren Familie in mütterlicher Linie im Grödnertal be-heimatet war, wandte sich in den Jahren 1940 und 1941, da die deut-sche Bevölkerung Südtirols Opfer einer schicksalsschweren siedlungs-politischen Entscheidung geworden war, im besonderen diesem Landzu, um in selbständiger Arbeit und in freier Suche nach Gewährsleutenund Trachtenträgern eine künstlerische Dokumentation der noch leben-den Volkstrachten aus allen Teilen Südtirols einzubringen. Das maleri-sche Werk, das damals zustande kam und aus vielen Dutzenden gro-Ber Aquarelltempera- Blättern und noch mehr Bleistiftzeichnungen und-skizzen besteht, stellt seinem Umfang und seiner Qualität nach heuteeine einzigartige bildliche Dokumentation, die wissenschaftlichen Maß-stäben gerecht wird und in dieser Form nicht mehr wiederholbar seinwird. Mit der Erwerbung der Trachtenaquarelle aus Südtirol von ErnaMoser- Piffl durch das Österreichische Museum für Volkskunde inWien ist jedoch nicht nur eine Sammlung hervorragender Bildzeugnisseaus der unmittelbaren Vergangenheit, sondern auch ein großer undwohl der bedeutendste Ausschnitt des Lebenswerkes der Künstlerin indie Obhut eines öffentlichen Museums und wissenschaftlichen Institutsgelangt.
Ehe kurz auf die Entwicklung und die Eigenart der SüdtirolerVolkstracht eingegangen werden soll, bedarf es einer erklärenden Ein-schränkung. Beim Gang durch die Ausstellung vermitteln die lebens-nahen Aquarelle von Erna Moser- Piffl den Eindruck, Südtirol wäre nocheine intakte Trachtenlandschaft. Dem steht freilich die Realität ent-gegen. Wie anderswo machte die Entwicklung bei der Bekleidung auchvor Südtirol nicht halt und führte dazu, daß die industriell fabrizierte
8