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Otto Weinreich
unbeschwerten Musiker oft intuitiv richtiger sahen. Der heutigen schadet,fürchte ich, etwas anderes, an sich gewiß schätzenswertes: die bedingungsloseVerehrung alles Volksmäßigen. Man mache einmal die Probe bei den antikencarmina popularia: ich behaupte, soweit sie nicht ,, primitive Glossar ::: zum Glossareintrag primitive Gemeinschafts-kultur" sind, müssen sie als gesunkenes Kulturgut" gelten. Die Eiresione istdoch undenkbar ohne den homerischen Hexameter; die lyrischen Maße in dencarm. pop. setzen die archaische Lyrik voraus. Noch deutlicher bei den Rö-mern, wo in den volkstümlichen Versen durch Eigennamen eine Chronologiegegeben ist: die älteren haben das prähellenistische griechische Lehngut desversus quadratus, spätrepublikanische bemächtigen sich der neoterischen For-men, das Distichon blüht als volkstümliches Maß stark erst auf, als die hohePoesie damit vorangegangen war. Ich habe als Schüler Dieterichs gewiß alleAchtung vor dem Primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag Primitiven und dem Volkstum jeglicher Prägung, aber ichwill mir die Evidenz literarhistorischer oder kulturmorphologischer Entwick-lungen nicht trüben lassen durch ein Ressentiment, das durch den Terminus,, gesunken" auch im Sinne Naumanns gar nicht ausgelöst zu werden braucht.
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Doch wieder zurück zu Brouwer! Der zweite, das eigentlich Neuebringende Teil verfolgt 1. traditionelle Zeilen, etwa là- haut sur la mon-tagne' Dort droben auf dem Berge' u. ä., die in dem Liedgut der vonihm untersuchten Länder allenthalben wiederkehren. Es sind nicht spon-tane Prägungen, sondern Traditionsgut, dessen Ursprung in der poésiecourtoise auf französischem Boden im Mittelalter lag, die für ganz West-europa maßgebend wurde. 2. Auch die Übereinstimmung in derZahlen-, 3. der Blumen-, 4. der Farbensymbolik, die Brouwer aus reichemMaterial aufzeigt, läßt sich aus eben jenem gemeinsamen Stratum histo-risch verstehen.
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Hier bedauert man, daß Brouwer nicht weiter ausholte und die Zahlen-,Blumen-, Farbensymbolik nicht zunächst als solche ohne Zusammenhang mitdem Volkslied- untersuchte. Ich glaube sagen zu können, daß fast all dasschon dem Mutterboden der spätantik- christlichen Schicht angehört. Für dieZahlen ist es mir auf Grund meiner nun zwei Jahrzehnte währenden Beobach-tungen evident, für die Farben halte ich es für wahrscheinlich, bei den Blu-men habe ich nicht genügenden Umblick. Schade auch, daß Brouwer die Ar-beiten von C. Groos und seiner Schule über typische Farben und Lieblings-farben in bestimmten Literaturgebieten oder bei bestimmten Autoren nicht be-rücksichtigte. Ob etwa das Volkslied hier in all diesen Beziehungen Neues undnational Charakteristisches bringt, wird sich bündig erst sagen lassen, wenndie der poésie courtoise vorausliegenden Stadien der lateinischen Poesie, in dereben antikes und christliches Gut zusammenfließen, nach den gleichen Gesichts-punkten durchforscht sind. Es ist mir wertvoll, daß der Altmeister der Volks-liedforschung, J. Bolte, gleichfalls auf diese Aufgabe hinwies( DLZ 1930, 1175),deren Notwendigkeit sich mir vom Standpunkt des Altphilologen und desZahlenliebhabers aus ebenfalls ergeben hatte. Wenn die Arbeiten zweier Schülervon mir vorliegen werden, die die optischen und akustischen Sinnesdaten inder augusteischen Literatur nach der Groosschen Methode untersuchen, wirdsich, da die Augusteer weitgehendst die spätantike und christliche lateinischeDichtung bestimmen, auch klarer zeigen, ob in bezug auf die typischen Farben.der Anschluß an die von Brouwer bezeichnete Sammelschicht der poésie courtoise
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