Druckschrift 
Das Geschenk der Lebensjahre
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

DAS GESCHENK DER LEBENSJAHRE.

Von

Albert Wesselski.

Zeus hatte dem Menschen, als er ihn schuf, nur eine kurze Lebenszeitzugedacht, aber der Mensch hat sich zu helfen gewußt: als es kalt wurde,ist das Pferd zu ihm gekommen, um bei ihm Obdach zu suchen, und dieserBitte hat er nur unter der Bedingung willfahrt, daß es ihm einen Teil derihm bestimmten Jahre abtrete; solche Verträge hat er dann auch mit demRinde und dem Hunde geschlossen, die sich mit demselben Wunsche beiihm eingestellt hatten. Seither ist der Mensch, solange er von dem Eigenenlebt, friedfertig und gut; kommt er aber in die Jahre, die er von demPferde hat, wird er übermütig, in der Zeit, die er von dem Rinde lebt, ister ein fleißiger Werkmann, und in den Jahren des Hundes ist er mürrischund boshaft.

Diese Geschichte steht mitten unter den gemeiniglich Fabeln genann-ten griechischen Märlein, aber die Bezeichnung als Fabel kommt ihr nichtzu; sie muß zu jener Gattung volkstümlicher Erzählungen gestellt werden,die man aitiologische oder Ursachensagen oder auch wohl Natursagennennt. Selbstverständlich kann sie schon ihres Vorwurfs wegen, der schoneine gewisse Kultur- oder Zivilisationshöhe voraussetzt, nicht zu den rich-tigen Natursagen geschlagen werden, entstanden aus den Geschichten, dieeinst Priester oder Weise haben erfinden müssen, um der Wiẞbegierde deraufgewecktern Leute unter ihren Stammesgenossen ein Genüge zu tunund ihnen die Möglichkeit zu geben, sich den andern gegenüber als Lehrerzu betätigen; gebildet aber ist sie, was die Form betrifft, nach dem Musterdieser ersten Versuche einer Erklärung von Tatsachen des gemeinenLebens, die hier und dort auch dann nicht vergessen wurden, als sie längstdurch Erkenntnisse überholt und widerlegt waren, wie etwa die sich nochbei Sophokles und bei Spätern findende Natursage, die darlegen will, wieder Mensch die Unsterblichkeit eingebüẞt hat.

Im Abendlande Glossar ::: zum Glossareintrag  Abendlande ist diese sogenannte Aisopische Fabel von dem Men-schen und seinen Haustieren einer weitern öffentlichkeit erst 1610 durchI. N. Nevelet zugänglich gemacht worden, der sie mit 146 andern ausetlichen Heidelberger Handschriften gezogen hat, 1) aber sein Text warschlecht; 2) einen bessern hat erst 1812 die von J. G. Schneider besorgte

1) Mythologia Aesopica, Francoforti, 1610, 248, 197.

2) Den ärgsten Fehler in diesem Texte freilich hat kein Philologe, ja nicht einmalLessing bemerkt, obwohl dieser feststellen konnte, daß eine andere Darstellung, die