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Ausstellung Volksschauspiel im Burgenland : Katalog
Entstehung
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5.1. JESUITENTHEATER

Das theatralische Wirken der geistlichen Orden, insbesondereder Jesuiten, nimmt in der Barockzeit eine ebenso vorrangigewie vielschichtige Stellung ein, weil von hier aus besondersviele Anregungen und Impulse auch für das Volksschauspielausgingen.

Für das BURGENLAND, in seinen heutigen Grenzen, wurde nebenden Kollegien von PRESSBURG( Bratislava) und TYRNAU( Trnava)vor allem die Niederlassung in ÖDENBURG( Sopron) bedeutsam.Der Einsatz des Jesuitentheaters in ÖDENBURG( Sopron) standzunächst völlig im Zeichen gegen reformatorischer Bestrebungen.mit der sich der Orden seit seiner Berufung( 1636) missionie-rend an breiteste Schichten der Bevölkerung wandte. Die meis-ten Feste des Kirchenjahres( vorallem Weihnachten, Ostern undFronleichnam) pflegte man mit prunkvollen, alle Sinne desBarockmenschen ansprechenden, Aufführungen auszustatten. Trä-ger waren entweder eigens ins Leben gerufene Kongregati-onen, in der Hauptsache aber die Gymnasiasten desKollegs, die seit 1640 ihre Leistungen zumindest einmal jähr-lich, nämlich zum Schulschluß, in repräsentativen" Final-komödien"( ludi autumnales) öffentlich unter Beweis zustellen hatten. Mehr als 300 Vorstellungen sind uns aus der137jährigen Bestandszeit der Ordensniederlassung bekannt ge-worden. Sie alle behandelten vorzugsweise Stoffe der( antiken)Weltgeschichte, aus Bibel, Legende oder Sage, die jedoch be-tont moralisierend vorgetragen und in den Dienst der Kathe-chese gestellt wurden; etwa zur Versinnbildlichung von Ent-haltsamkeit, Machtverzicht, Eltern-, Ehe- und Geschwister-liebe, Demut, Achtung vor der Autorität usw. Auch der Ma-rienkult und vor allem die seit dem Mittelalter tradierte" Arsmoriendi", also die gottgefällige Kunst zu sterben, rücktenimmer wieder in den Mittelpunkt der Dramatisierungen.Dem festumrissenen Erziehungsprinzip der Jesuiten gemäß(" Ratio studiorum") spielte man vor allem in klassischem,damals ja auch als Amtssprache geltendem Latein, das wie einelebende Fremdsprache behandelt wurde. mitunter aber auchfranzösisch und italienisch; ungarisch oder deutsch hingegennur in ganz seltenen Ausnahmefällen.

Um den Zuschauern das Verständnis der Aufführungen zu erleich-tern, druckte man mehrsprachige" Periochen", also eineArt von Programmheften mit szenenweisen Inhaltsangaben undErklärungen des jeweiligen Symbolgehalts.

Wie alle Jesuitengymnasien verfügte auch ÖDENBURG über einetechnisch voll auf der Höhe ihrer Zeit stehende barockeMaschinen- und Verwandlungsbühne, die allen szenischen Anfor-

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