Druckschrift 
Ausstellung Volksschauspiel im Burgenland : Katalog
Entstehung
Seite
51
Einzelbild herunterladen
 

ALTE VOLKSSCHAUSPIEL I M ENGEREN

4. DASSINN:

UMZUGSSPIELE UND STUBENSPIELE

Das Burgenland, der nördliche Landesteil mit dem alten Land umPreßburg mit dem Heideboden und der mittlere und südlicheLandesteil in seiner ganzen Erstreckung diesseits und jenseitsder heutigen österreichisch- ungarischen Grenze, stellt hin-sichtlich seiner Volksschauspiel überlieferung insgesamt einGebiet dar, das sich nur mit wenigen Landschaftendes alten deutschen Volksschauspielsvergleichen läßt. Vornehmlich der Reichtum an großen Stu-benspielen mit seinen alten Texten und charakteristi-schen Aufführungsformen im Nordburgenland und die Umzugs-bzw. Hereinrufspiele in Mittel- und Südburgen-land entsprechen den Überlieferungen der obersteirisch- ober-kärntnerischen Volksschauspiellandschaft oder des Bayerischenund des Böhmerwaldes. Nur in diesen Gebieten haben sich ähn-liche Verhältnisse entwickelt und durch mehrere Jahrhunderteerhalten.

Das vorhandene Spielgut läßt sich- abgesehen von derTrennung von Schauspielen geistlichen und weltlichen Inhaltssomit zwei aufführungsmäßigen Hauptformen zuordnen. DieGattungen Umzugsspiel und Stubenspiel kennzeichnen zugleichdas Verbreitungsbild des alten Volksschauspiels dereinzelnen burgenländischen Landesteile:

Die Heanzen und Panzichter, also die Bewohner des mittlerenund südlichen Burgenlandes wie der Ödenburger Gegend, besaßenvornehmlich Umzugsspiele;

die Heidebauern der deutschen Dörfer nördlich und östlich desNeusiedler Sees, also im Bereich der ehemaligen Komitate Preẞ-burg und Wieselburg, dagegen führten hauptsächlich Stuben-spiele auf.

Die Unterscheidung von Umzugsspiel und Stubenspiel weist zudemauf eine Gliederung des Spielgutes nach Altersschich-ten hin: Die Umzugsspiele werden allgemein auf ältere Grund-lagen bezogen und lassen sich aufführungsmäßig von spätmittel-alterlichen Formen nicht trennen, auch wenn sie zum Teil erstin der Barockzeit im Zuge der Gegenreformation ausgeformtworden sind und somit erscheinungsmäßig gleiche, inhaltlichjedoch sehr verschiedene Typen hier nebeneinander stehen; dieMehrzahl der Stubenspiele läßt sich hingegen in die früheNeuzeit, auf die literarische und theatralische deutsche Re-naissance zurückführen und hängt mit den Dramen der Reforma-

51