VOLKSSCHAUSPIEL I M BURGENLAND
1. EINLEITUNG
Um vom Volksschauspiel sprechen zu können, muß man versuchen,es abzugrenzen und einzuordnen. Es ist eingespannt zwischenprofessionellem Theater einerseits und reiner Brauchbegehungandererseits.
1.1. BEGRIFFSBESTIMMUNG
Drei Definitionen seien hier vorangestellt.
Leopold Kretzenbacher: Lebendiges Volksschauspiel inSteiermark( Wien 1951)" Zum Volksschauspiel, so wie wir eshier verstehen, zählt nur eine verhältnismäßig kleine Anzahlbestimmter Spiele, die als lebendiges Erbe aus langer Über-lieferung von Textform und Darstellungsstil heute noch inmanchen Gegenden des Landes vorwiegend als Brauch und nicht sosehr als unterhaltendes Theater aufgeführt werden. Ihre inProsa oder in Reimpaarverse gefaßten und mündlich oder hand-schriftlich überlieferten Texte verdichten in Monologen,Wechselreden und Liedberichten Geschehnisse und Gleichnisseaus der Bibel, der Heiligen legende oder den Volksbüchern. Siewerden heute von ländlichen Spielgruppen nicht als" Theater"mit Bühne, Vorhang und Illusionselementen, sondern vorwiegendals brauchtümliche Verrichtung einer Art volksreligiöser An-dacht zu bestimmten Zeiten im Jahr aufgeführt, wobei die Dar-stellung sich in Mimik, Gestik und Kostümierung fern von allemNaturalismus und jeglichem Streben nach' Milieutreue' hält,und sich, ihrem Ursprung entsprechend, nahe zu den liturgi-schen Formen der archaischen und gewärtigen Kultverrichtungstellt."
Leopold Schmidt: Das deutsche Volksschauspiel( Berlin1962)
" Beim Volksschauspiel handelt es sich um jenes Schauspielgut,das im Rahmen der" Überlieferten Ordnungen" der Volkskulturvon den Trägern dieser Überlieferungen gespielt wurde undwird.
Unter den" Ordnungen" sind hier im wesentlichen die brauch-mäßigen Festlegungen des gesamten Jahreslaufes zu verstehen,also die Markierungen des Jahrelaufes vor allem. Als Volks-schauspiel im engsten Sinn wäre also nur das Brauchspiel an-zusprechen, wobei freilich sehr viel an festlichem Spiel zubrauchmäßigen Anlässen hierher gezählt werden darf. Von diesem
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