Druckschrift 
Sonderausstellung Schmuck aus Haaren : Katalog
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

EINLEITUNG

Die Tradition des Aufbewahrens, der Bearbeitung und Verarbei-tung des menschlichen Haares zu Schmuck und Zierat wurzelt inder Bedeutung des Haares als pars pro toto, als ein Teil desMenschen, der die Person vertreten kann und der gleichsam un-sterblich ist. Das Haar galt auch als Sitz der Lebenskraft,mit der Haarlocke eines Menschen meinte man, zugleich auchMacht über ihn zu haben, im Guten wie im Bösen." Ein Haarfesselt stärker als die stärkste Eisenschnur"( 1) berichtenalte russische und altnordische Märchen. Und Marianne vonWillemer schrieb im August 1820 an Wolfgang von Goethe:" So-lange wie der Raum eine so große Rolle zu spielen hat- sosuchen wir denn auch noch den Entfernten auf alle Weise anuns zu ketten-" und schickte als Geburtstagsgabe" eine Kettemit einem amulettartigen Medaillon, das Haare von Marianneumschloß und dessen Kapsel mit Sternen besetzt war. UndGoethe antwortete aus Jena am 1. September 1820:" heute kannich mich des schärfsten Blickes rühmen: Durch alle dieSchachteln hindurch habe ich gleich auf den Grund gesehen,und das Mittel- Juwel erblickt, die Einfassung entging meinemgeistigen Auge; desto mehr erfreute sie nachher mein sinn-liches. Tausend Dank in Eile".( 2)

In diesem Sinne können viele Schmuckformen, wie sie hier imÖsterreichischen Museum für Volkskunde zum ersten Mal aus-gestellt sind, verstanden werden.

Form, Bedeutung und Symbolgehalt des Haares als einfach ge-legte Locke im Medaillon sind bis heute unverändert geblieben.Zur einfachsten und ursprünglichsten Form, der Haarreliquieunter Glas, wie sie sowohl im privaten Gebrauch als auch inden Schatzkammern der Wallfahrtskirchen zu finden ist, kamen

9