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Volksfrömmigkeit : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz
Entstehung
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Helga Maria Wolf

Die Kirchenleitung, missionarisch eifrig um die Neuevangelisierung Eu-ropas" bemüht, läßt es nicht an gutgemeinten Anleitungen zum Festefeiernfehlen. Sie geht dabei meist wenig zielgruppenorientiert vom Konstruktder( Pfarr-) Familie aus. Scheitert schon die Vision von Hauskirche häufigan der realen Familiensituation( in Wien wird jede dritte Ehe geschieden),so wird in einer segmentierten und säkularisierten Gesellschaft anders

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als im Mittelalter ein weltweites Marianisches Jahr kein Allheilmittelgegen den Glaubensschwund sein können.¹

,, Volksfrömmigkeit" hat viele Gesichter. Man kann sie durch Statistikentlarven, mit Aussagen über die Kirchlichkeit der Österreicher/ innen undFragen zum Religiösen im Alltagsleben demaskieren, um zu lernen, mitdem Wort Volk" vorsichtiger umzugehen.( Das biblisch- nachkonziliareKirchenbild meint das gemeinsam pilgernde, wandernde Gottesvolk.) BertBrecht sagte bereits 1935 in Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben derWahrheit": Wer in unserer Zeit statt, Volk', Bevölkerung'(...) sagt,unterstützt schon viele Lügen nicht." Von dieser Bevölkerung' nimmtin Österreich die überwiegende Mehrheit( an die 80 Prozent) nicht ein-mal das Minimum des katholischen Angebotes, die Sonntagsmesse, wahr.Das einigermaßen mit seiner Kirche verbundene Fünftel zeigt eine breiteStreuung weltanschaulich- religiösen Bewußtseins, Glaubenseinstellungenund Praktiken. Man kann die Annäherung an die Subjektivationen der,, Volksfrömmigkeit" in Gesprächen versuchen: Was glauben die Leute undwarum? Wie wirkt sich ihr Glaube auf ihr Leben aus? Ist er Lebenshilfein krisenhaften Zeiten? Man kann schließlich die populare Religiosität imSpiegel ihrer Objektivationen( Bräuche) betrachten.

VOLK UND FRÖMMIGKEIT IN EINER SÄKULARISIERTENUND SEGMENTIERTEN GESELLSCHAFT

In einer Repräsentativerhebung des Fessel+ GFK- Instituts bekannte sichim Frühjahr 1989 nur ein Viertel der 400 Befragten über 16 Jahren völlig"

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⟫Die entscheidende Entwicklung des Rosenkranzgebetes erfolgte um 1400. Es wardie Zeit der großen Kirchenkrise, der Beginn auch der Auflösung der mittelalterli-chen Ordnungen in allen Bereichen von Staat, Kirche und Gesellschaft.(...) DerMißbrauch der kirchlichen Ämter in der Politik führte schließlich zum abendländi-schen Glossar ::: zum Glossareintrag schen Schisma.(...) Das Rosenkranzgebet ermöglichte in dieser Zeit des Ver-falls der kirchlichen Institutionen dem einzelnen Gläubigen einen Weg der sehrpersönlichen Frömmigkeitsübung, zugleich bedeutete es ein neues, gemeinschaftsstif-tendes Moment jenseits aller Parteibildungen innerhalb der institutionellen Kirche."Manfred Brauneck: Religiöse Volkskunst. Köln 1979, S. 240.