ELFRIEDE GRABNER, GRAZ
Wort- und Bildzeugnisse zur Verehrungdes ,, Geheimen Leidens Christi"
Schon früh nahm im volksfrommen, bildnerischen Gestalten das Leidenund Sterben Christi breiten Raum ein. So hatte sich bereits seit demgroßen Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux( 1090-1153) die be-trachtende Schau der abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag abendländischen Christenheit stärker als in vergan-genen Jahrhunderten der Passionsgeschichte des Herrn zugewendet. My-stisch begabte Mönche und Nonnen waren es, die in Visionen das LeidenChristi erschauten und es in eindrucksvollen Worten den Menschen wiedervor Augen führten. Johannes de Caulibus, ein toskanischer Minorit, hatteum das Jahr 1300 seine„ Meditationen" über das Leben Christi niederge-schrieben. Vielen diente das Werk zum Vorbild. So etwa dem KarthäuserLudolf von Sachsen, der 1377 starb und ebenfalls ein„, Leben Christi❝ hin-terließ, das Sehern, Malern, geistlichen Schriftstellern und Predigern vieleEinzelheiten der ausgeführten„ Geheimen Leiden" überlieferte. Später ka-men dann vor allem die spanischen Mystiker, die in Wort und Bild dasLeiden Christi verkündeten, oder auch theologische Schriftsteller, wie derspanische Jesuit Diego Alvarez de Paz, dessen Tod in das Jahr 1620 fällt,der solche Szenen des„ Unbekannten Leidens Christi" bis in Einzelheitenauszubreiten und auszudeuten wußte.
Vor allem durch die Barockprediger und ihre intensive Betrachtung desLeidens Christi erfuhr das überkommene Passionsbild dann eine ständigeErweiterung. Man begab sich auf die geheimnisreichen und darum solockenden Gefilde der apokryphen Überlieferung, wodurch die volkstümli-che Vorstellung vom Leidensweg des Herrn um nicht wenige Züge berei-chert wurde. Die Vorstellungs- und Bilderwelt des sogenannten„ Gehei-men Leidens❝1 beeinflußte dann besonders im Zeitalter des Barocks in
1Vgl. dazu: F. Zoepfl, Das unbekannte Leiden Christi in der Frömmigkeit und Kunstdes Volkes. In: Volk und Volkstum, Jahrbuch für Volkskunde II, München 1937,S. 317-336; L. Schmidt, Das geheime Leiden Christi. In: Volk und Volkstum. Jahr-buch für Volkskunde III, München 1938, S. 370f; L. Kretzenbacher, Christus sollnicht gegeißelt werden. Ein mittelalterlich- schwedisches Visionsmotiv in einem alt-steirischen Passionsspiel. In: ÖZV, NS 26( 1972), S. 116-126; derselbe, Drei Bild-