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Volksfrömmigkeit : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz
Entstehung
Seite
11
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ERNST TOPITSCH, GRAZ

Volksglaube und Hochreligion

Wenn ein Philosoph zu diesem Thema das Wort ergreift, so mag manerwarten, daß er den Volksglauben ein wenig abschätzig als primitiv Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiv undsuperstitiös, als Inbegriff naiver Vorstellungen der Ungebildeten" abtut,um die Hochreligion in umso strahlenderem Glanze erscheinen zu las-sen. Doch davon wird im folgenden kaum die Rede sein. Volksglaube undVolksfrömmigkeit sind nämlich durch ihre Lebensnähe ausgezeichnet, inihnen kommt oft sehr klar zum Ausdruck, was die Menschen bewegtund zwar weit klarer als in den Spekulationen der Theologen und Me-taphysiker. Freilich soll damit auch keiner Volkstumsromantik das Wortgeredet werden, wie sie nicht selten von Intellektuellen gepflegt wird, diesich in der dünnen Luft theologischer oder philosophischer Erörterungenoder gar in der modernen, durch die wissenschaftlich- industrielle Revolu-tion geprägten und entzauberten Welt emotional unterversorgt fühlen.

Auch zeigt unser Thema eine gewisse Nähe zu der nun wieder aktuellgewordenen Diskussion um den Mythos. Nun soll hier nicht versucht wer-den, eine genaue Definition dieses Ausdrucks zu geben, der ja nicht vielmehr sein kann als eine vage Sammelbezeichnung. Wollen wir uns alsohier mit einer ungefähren Umschreibung begnügen. Mythen sind durchihre Anschaulichkeit, ihre Lebensnähe und Lebensfülle ausgezeichnet, so-wohl hinsichtlich der konkreten Plastizität ihrer Vorstellungen wie auchhinsichtlich ihres unmittelbaren Bezuges auf die emotionalen und prakti-schen Bedürfnisse und Situationen des Menschen, seine alltäglichen, banalerscheinenden und doch so elementaren Wünsche und Hoffnungen, Sor-gen und Nöte. So wird man wohl auch das Verhältnis zwischen Volksglau-ben und Hochreligion ähnlich auffassen dürfen wie jenes zwischen Mythosund Philosophie, insbesondere Metaphysik. Ein so kompetenter Autor wieErnst Benz hat ja in den letzteren gewissermaßen einen rationalisiertenund verblaßten Restbestand ursprünglicherer und lebensvollerer mythi-scher Vorstellungen erblickt. Ja, die Geschichte der Metaphysik erscheintihm geradezu

,, als der immer neu unternommene, aber niemals zum Abschlußgebrachte Versuch einer logisch- begrifflichen Auslegung von ur-tümlichen Mythen, in denen der Menschheit das Wesen der