Jens Wietschorke, Die kulturelle Oberfläche und die Tiefen des Sozialen?
Nach wie vor scheint es heuristisch wie politisch sinnvoll undwichtig, den>> kulturalen Aspekt von Gesellschaft«< 38 und die»> kulturaleVerarbeitung des gesellschaftlichen Lebens«< 39 in den Fokus zu nehmenund damit radikal kontextuell zu denken. Allerdings scheint eben auchLatours Einwand wichtig, dass dieser» gesellschaftliche Kontext<< nichteinfach nur als» Ausfahrt«< aus der Empirie genutzt werden sollte. Ichverstehe Latours Argumentation in diesem Zusammenhang als Anre-gung, die Epistemologie unserer wissenschaftlichen Verknüpfungsleis-tungen zu überdenken: Wie kommen wir vom Lokalen zum Globalen,von der Kultur zur Gesellschaft, vom Ereignis zur Struktur, von derInteraktion zum Kontext? Ein Modell, das die Wahrheit des empirischGreifbaren hinter die Kulissen und unter die Oberflächen verlegt, funk-tioniert hier im Kern essentialistisch. Mit der Idee der Tiefe ist etwaspostuliert, was am Ende der Auseinandersetzung mit der Oberflächestehen soll; damit wird also vorausgesetzt, was doch eigentlich ersterklärt werden müsste. Als epistemologisches Modell oder erkennt-nisleitende Metapher scheint mir daher die kontextuelle Formel vonKultur als der» anderen Seite von Gesellschaft«< plausibler. Es bedeu-tet, zweidimensional zu denken statt dreidimensional. Es bedeutet, dasSoziale flach zu halten und die Strukturen und Kontexte in praxi zusuchen, im Modus des Ausgehandelt- werdens.» Kultur als die andereSeite von Gesellschaft«<, das ist meiner Ansicht nach eine gut operatio-nalisierbare Formel, die beide Momente- Kultur und Gesellschaft-als heuristische Begriffe auf gleicher Ebene kenntlich macht, die nur imZusammenspiel funktionieren und dann aber sichtbar machen, wie dasSoziale über kulturelle Praktiken konstituiert wird und welche Rolledas Kulturelle bei der Bildung sozialer Assoziationen spielt. WennKultur praxeologisch als Performanz, als doing whatever verstandenwerden soll, dann ist das ein starkes Gegenmodell zu einem Dualismusvon Oberfläche und Tiefe in der Kulturtheorie. Denn mit den neuerenpraxistheoretischen Ansätzen rund um Performanz und Materialitätso Andreas Reckwitz>> eine Verschiebung des konzeptuel-
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38 Martin Scharfe: Notizen zur Volkskunde. Versuch der Begründung eines Stand-punkts. In: Württembergisches Jahrbuch für Volkskunde 1970, S. 124-139, hier
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S. 139.
Rolf Lindner: Konjunktur und Krise des Kulturkonzepts. In: Lutz Musner,Gotthart Wunberg( Hg.): Kulturwissenschaften. Forschung- Praxis- Positio-nen. Wien 2002, S. 69-87, hier S. 85.
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