Peter Egger und Michaela Haibl
Differenzierter fielen die Antworten auf die Fragen nach der Eigenwahrnehmung und nachdem Umgang mit der Geschichte des" Ortes" aus:„ Für mich ist dies eine ganz normale Sied-lung. Ja sicher weiß ich, was sich hier abgespielt hat, aber ich denk nicht immer daran.19[...]Ich denk nicht immer daran, dass hier so viele Leute umgebracht wurden, sonst könnte ichhier nicht wohnen" 20, erzählt Frau A. Auf die Frage, ob die Bewohner die Geschichte desKonzentrationslagers ausblenden müssten, um hier zu leben, meint ihre Freundin Frau F.:,, Ausblenden tut es niemand. Also da ist jeder eigentlich ganz froh, dass dies gut verarbeitetund aufrechterhalten wird. Auch durch die Städtepartnerschaft mit Prato gerät dies alles nichtin Vergessenheit. Aber es ist nicht der Fall, dass hier irgendwer irgendwas nicht wissen will.Das nicht, also was ich so rundherum höre." 21
Allerdings scheint die jüngere Generation in der Siedlung ein wenig skeptischer gegenüberdem Ort zu sein, wie Frau A. weiter erzählt:„ Meine Tochter sagt, es ist ein Wahnsinn, dassman hier ein Haus baut. Dass man hier, wo dies alles passiert ist, ein Haus bauen kann, abernaja. Sie[ die Tochter] ist da eben anderer Meinung, und sie hätte sich hier nie ein Hausgebaut." 22 So werde auch das Thema den eigenen Kindern gegenüber durchaus thematisiert:,, Ganz normal, weil auch heut schon in der Schule darüber geredet wird. Ganz früher, zu un-serer Zeit haben sie ja hier in der Schule auch noch nichts davon erzählt. Da wusste man, dieshat es in Mauthausen gegeben, aber von Ebensee hat man auch nicht in der Schule gelernt.Aber die letzten zwanzig Jahre setzen sie sich mit dem schon sehr auseinander." 23
Für Herrn F. ist das ehemalige Konzentrationslager auf besondere Weise präsent. Sein Haussteht neben dem Gedenkfriedhof:„ Immer wenn ich abends auf eine Zigarette ins Freie gehe,liegen direkt neben mir Tausende von Leichen begraben. Man denkt ständig daran und wirdimmer damit konfrontiert." 24 Frau R., die die Befreiung des Konzentrationslagers in Ebenseeals Jugendliche selbst miterlebte, antwortet auf die Frage, wie Sie sich in der Siedlung fühle:,, Man merkt gar nichts. Nein man merkt und man redet auch gar nicht mehr davon, ja. Eswar einmal, und uns ist es auch nicht gut gegangen damals, nicht. Aber es war einmal und istjetzt abgeschlossen und aus.
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Es zeigt sich auch, dass es für die Bewohner einen Unterschied macht, wo man, geogra-phisch gesehen, in der Siedlung wohnt. Im Randbereich des ehemaligen Lagers zu wohnen, istin der Wertung der Bewohner anders besetzt, als ein Haus auf den Grundmauern ehemaligerBaracken zu bewohnen oder gar an Orten, von denen man weiß, dass dort Menschen ermor-det, verbrannt oder vergraben wurden. So empfindet es etwa Frau A. als„ brutal", dass voreinigen Jahren ein Bewohner der Siedlung sein Haus auf das sogenannte" Schwimmbecken"baute: ,, Da hat ja jetzt einer das Haus drauf gebaut. Der hat das Haus auf das Schwimmbeckendrauf gebaut. Da ist das Schwimmbecken gewesen, weil das weiß ich noch von den Erzählun-gen, dass sie dort schwimmen mussten, so lang bis nimmer können haben." 26 Die Bassins,auch" Schwimmbecken" genannt, waren drei Feuerlöschteiche, die sich im Lager befanden.
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19 Frau A. Gespräch mit Peter Egger am 15.10.07. Min: 01.40.Frau A. Gespräch mit Peter Egger am 15.10.07. Min: 04.10.Frau F. Gespräch mit Peter Egger am 15.10.07. Min: 04.18.Frau A. Gespräch mit Peter Egger am 15.10.2007. Min: 01.56.Frau A. Gespräch mit Peter Egger am 15.10.2007. Min: 04.59.
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24 Herr F. Gespräch mit Peter Egger am 4.5.2005.( Gedächtnisprotokoll).
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Frau R. Gespräch mit Peter Egger am 15.10.2007. Min: 04.49.
26 Frau A. Gespräch mit Peter Egger am 15.10.2007. Min: 10.45.
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