Druckschrift 
Erb.gut? : kulturelles Erbe in Wissenschaft und Gesellschaft ; Referate der 25. Österreichischen Volkskundetagung vom 14. - 17.11.2007 in Innsbruck
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Kulturelle Materialität

ter und, Zuchtmeister' als ein von sadomasochistischen Regungen unterschwellig angetriebe-nes gemalt: Konrad hat Elisabeth gegeißelt oder will sie geißeln. Die Männer des MarburgerUniversitätssenats hielten diese Szene für unerträglich, der Maler übermalte sie- aber so, daßman ihr bis heute ansieht, daß da etwas nicht stimmt. Peter Janssen, der Maler, hat jedem, dersehen kann, eine Frage gestellt und eine Spur hinterlassen. 24( Abb. 12 a+ b)

Abb. 13: Eine anonyme Menschenspur

- Steinmann mit Fahne- auf dem Zugspitz,1843. Holzstich von Kaspar Braun, 1846.

Andere Stichworte für solche materiellen Spuren sind: Ruine, Spolie, Relikt. In der Relikt-Analyse und-rekonstruktion, wie sie die Volkskunde seit ihren Anfängen begleitet hat, ging esstets um die Ent- Deckung des Verdeckten, um die Ent- Hüllung des Verhüllten- ganz wie inaller Archäologie( mit Ausgrabungen und Freilegungen), die den materiellen Spuren mühsamnachkriecht, um der historischen Wahrheit ans Licht zu verhelfen( so etwa im Falle des Re-gensburger Neupfarrplatzes, dessen Zentrum- eben die Neupfarrkirche-, seit 1542 die erstePfarrkirche evangelischen Bekenntnisses, unmittelbarer Nachfolger der berühmt gewordenenWallfahrt zur, Schönen Maria' war; deren Platz wiederum war freilich 1519 gewaltsam ausdem mittelalterlichen Stadtgrundriss ausgestanzt worden"- weshalb man die Juden gewalt-sam vertrieben und ihre Häuser und Synagoge zerstört und abgebrochen hatte25).

Am Ende bleibt also nur eine materielle Spur: Inschriften auf Toilettenwänden und Graffitian Mauern und auf Eisenbahnwagen, Hand- und Fußabdrücke am Wallfahrtsort26, Messer-schnitte in der Baumrinde, eingehauene Zeichen im Felsgestein. Aber wie die Zeichen, dieschon Aristipp in den Sand am Strand der Insel Rhodos geritzt gesehen hat27, sagen sie nur,was auch Peter Rosegger in ein Fremdenbuch anonym eingeschrieben fand: Ich bin auchdagewesen!" 28 Das heißt: Menschen geben sich zu erkennen, verraten uns aber nicht ihre Na-men- sie bleiben anonym wie der Steinmann, der vielleicht das beste Beispiel für solche oftauch kollektiven Spuren und ihren geheimnisvollen und rätselhaften Verweisungscharakterist.( Abb. 13)

24 Vgl. Martin Scharfe: Die Heilige und ihr Zuchtmeister. Ein Marburger Bild zum Geschlechterverhältnis.Marburg 1998.

25 Vgl. Martin Dallmeier u. a.( Hg.): Der Neupfarrplatz. Brennpunkt- Zeugnis- Denkmal. Regensburg 2002.Das Zitat ebd. bei Harald Gieß: Augustinerkirche und Löschenkohl- Palais, ebd. S. 51-55; hier: S. 51.

26 Vgl. dazu den Abschnitt über die Spur bei Lenz Kriss- Rettenbeck: EX VOTO. Zeichen, Bild und Abbild imchristlichen Votivbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Votivbrauchtum. Zürich, Freiburg im Breisgau 1972, S. 42-46.

27 Vgl. M. Scharfe: Berg- Sucht( wie Anm. 18), S. 253.28 Ebd. S. 348.

27

22