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Erb.gut? : kulturelles Erbe in Wissenschaft und Gesellschaft ; Referate der 25. Österreichischen Volkskundetagung vom 14. - 17.11.2007 in Innsbruck
Entstehung
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Ingo Schneider

dürfte, dass jede kulturelle Objektivation mit der Zuerkennung des Erbe- Status von ihremersten gleichsam in ihr zweites Leben übergleitet, stellt sich doch die Frage, ob eine Rekons-truktion überhaupt Kulturelles Erbe sein könne oder solle.2. Mehr noch fragten angesichtsder unübersehbaren Not der Menschen nicht Wenige nach der moralischen Berechtigung, sohohe Summen in den Wiederaufbau einer zerstörten Brücke zu setzen, selbst wenn man diesymbolische Bedeutung des Bauwerks mit einbeziehen würde, oder anders ausgedrückt kamdie Frage auf, ob jenes Geld nicht besser in den Aufbau zerbombter Häuser bzw. Wohnungeninvestiert werden hätte sollen. Hier ging es also um die Verhältnismäßigkeit von Kulturgüter-schutz und humanitärer Hilfe.

Die beiden Beispiele sprechen zwar nur bestimme Aspekte der Erbe- Problematik an. Siegenügen jedoch, um anzudeuten, dass das Konzept des Kulturellen Erbes nicht frei von Wi-dersprüchen ist und sich noch eine ganze Latte von Fragen anschließen ließen, so etwa nachden damit verbundenen Absichten bzw. Erwartungen, aber auch danach, wer letztlich dieDeutungsmacht über das Kulturelle Erbe innehabe. Denn es gibt schon zu denken, dass sichauf der Liste des Weltkulturerbes nur wenige Beispiele für die dunkle Seite unseres Kulturel-len Erbes finden, etwa für die destruktive Seite von Kultur. Da ist das KonzentrationslagerAuschwitz- Birkenau, seit 1979 auf der Weltkulturerbe Liste, und da sind die Überreste des Genbaku Dome" Kaufhauses in Hiroshima, seit 1996 als Mahnmal für die bis dato größtezerstörerische Waffe, die die Menschheit hervorgebracht hat, die Atombombe. Nicht ver-wunderlich, nebenbei bemerkt, dass die USA sich vehement gegen das Ansinnen, die Ruinedieses Kaufhauses auf die Welterbeliste zu setzen, ausgesprochen hatten. Diesen beiden fürsich löblichen Mahnmalen für die destruktive Seite von Kultur, steht freilich vergleichsweiseein Übermaß an, schönen" Erbstücken gegenüber, leicht nachvollziehbar, so möchte manmeinen, denn man vererbt, erbt und erinnert sich ja lieber( an) schöne Dinge.

Damit noch einmal zur kulturwissenschaftlich letztlich zentralen Frage nach dem, Nutzenund Nachteil", die zwar oft gestellt³, aber noch nicht erschöpfend beantwortet ist und dienicht bloß als platte Kritik an der gegenwärtig erneut grassierenden Bewahrungswut gedachtist. Welche tiefer liegenden Gründe stehen hinter den vielfältigen Bestrebungen, Vergangeneszu vergegenwärtigen und Vergehendes künstlich am Leben zu erhalten? Weshalb greifen wir,,, durch musealisierende Akte in das Regelschicksal aller Relikte, nämlich zu verschwindenoder weggeworfen zu werden" ein?- Hermann Lübbes Frage galt zwar noch nicht dem Erbe-Boom, sondern den Musealisierungstendenzen im Allgemeinen, trifft aber für unser The-ma gleichermaßen zu. Wie also wäre der so augenscheinliche Überhang der, ars memoriae"gegenüber der ars oblivionis" zu begründen?- Das konservativ- modernisierungskritischekompensationstheoretische Modell, das- grob vereinfacht- auch die Konjunktur des kul-turellen Erbes aus einem komplementären Verhältnis von Innovations- und Alterungstempoerklären möchte, als eine Antwort auf ,, Modernisierungsschäden, auf Erfahrungsverluste und

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Vgl. dazu Barbara Kirshenblatt- Gimblett: From Ethnology to Heritage: The Role of the Museum. SIEFKeynote, Marseilles 2004, S. 1.

Siehe z.B. Martin Scharfe: Aufhellung und Eintrübung. Zu einem Paradigmen- und Funktionswandel imMuseum 1970-1990. In: Rekonstruktion von Wirklichkeit im Museum. Hrsg. v. Susanne Abel. Hildesheim1992( Mitteilungen aus dem Roemer- Museum Hildesheim. Abhandlungen N.F. 3), S. 53-63.Hermann Lübbe: Zeitverhältnisse. Zur Kulturphilosophie des Fortschritts. Graz, Wien, Köln 1983, S. 13.

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