Erb.gut?
Zur Einführung in diesen Band
Ingo Schneider
Als wir auf der 24. österreichischen Volkskundetagung in St. Pölten das Thema„ KulturellesErbe" für die Tagung in Innsbruck vorschlugen, war uns bewusst, dass wir auf einen Begriffsetzten, der gerade Konjunktur hatte und zu dem bereits eine dichte, nicht nur geistes- bzw.kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung im Gang war.' Das Thema war also nicht unbe-dingt originell. Wir haben uns dennoch dafür entschieden, da wir nicht nur davon überzeugtwaren( und noch immer sind), dass die Diskussion darüber in Wissenschaft und Gesellschaftnoch nicht ausreichend geführt wurde, sondern auch, dass die Europäische Ethnologie dazueinen essentiellen Beitrag zu leisten im Stande, mehr noch: zu leisten gefordert ist. Der Um-stand, dass die Anmeldungen zur Innsbrucker Tagung so zahlreich waren, wie noch nie in derGeschichte des Österreichischen Fachverbands für Volkskunde und wir gezwungen waren aufdrei Tage und jeweils drei getrennte Sektionen zu erweitern, werten wir als Zeichen dafür,dass wir mit unserem Themenvorschlag nicht so schlecht lagen, als ein Zeichen für den nachwie vor bestehenden Diskussionsbedarf auf dem Feld des Kulturellen Erbes.
Im Gefolge der vielfältigen Bestrebungen der UNESCO auf dem Feld des Weltkultur- und-naturerbes im allgemeinen und insbesondere im Zuge der Debatte um die 2003 in Parisbeschlossene Convention for the Safeguarding of the Intangible Cultural Heritage wurdendie Begriffe Cultural Heritage, Patrimoine und Kulturelles Erbe zu inflationär verwende-ten Modewörtern in öffentlichen Diskursen. Ihre Verwendung in den Medien, in Kultur-politik, im Tourismus und teilweise auch in den Wissenschaften erfolgt- das sei einmalunterstellt- zumeist unkritisch bzw. unreflektiert. Welche geopolitische Brisanz im zunächstlediglich kulturell bzw. kulturpolitisch intendierten Konzept des Kulturellen Erbes enthal-ten ist, zeigten etwa die vorsätzlichen Zerstörungen von Baudenkmälern in Afghanistan, wodas Taliban- Regime tausende Artefakte der vorislamischen Zeit- die Sprengung der riesigenBuddha- Steinstatuen in der zentral gelegenen Provinz Bamyan erregte lediglich das größteMedieninteresse- zerstörte. Die UNESCO setzte darauf das Bamian- Tal auf die rote Listedes gefährdeten Welterbes. In Bosnien, um ein weiteres Beispiel zu nennen, hatte kroatischeArtillerie am 11. November 1993 die Stari Most, die alte Brücke von Mostar bombardiert,worauf die UNESCO in den Jahren 1996 bis 2004 die Rekonstruktion der völlig zerstörtenBrücke unterstützte und diese 2005 auf die Weltkulturerbeliste setzte. Hier drängten sichvor allem zwei Fragen auf. Die eine zielte auf die materielle Beschaffenheit aber auch dastheoretische Konzept des Kulturellen Erbes, die andere auf die moralische Berechtigung sol-cher Fördermaßnahmen. Denn selbst wenn mittlerweile ein gewisser Konsens gegeben sein
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Vgl. Reinhard Bodner u. Kathrin Sohm: Vorüberlegungen. In: Ingo Schneider, Reinhard Bodner und KathrinSohm( Hrsg.): Kulturelles Erbe.( bricolage. Innsbrucker Zeitschrift für Europäische Ethnologie, Bd. 3), S. 9-34.
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