1. KINDHEIT UND JUGEND
Wer sich mit volkskundlicher Fachgeschichte in der Steiermark beschäf-tigt, der kommt an Viktor Geramb nicht vorbei. Auch 50 Jahre nach sei-nem Tod wirken seine Initiativen weiter, leben viele seiner Gründungen undwerden weiterentwickelt sowie Werke aus seiner Feder benutzt. Für seinezahlreichen Schüler( innen) und Hörer( innen) ist er noch immer verehrterSäulenheiliger, für den oder die andere( n) längst veraltet, überholt und Ge-schichte. Jedenfalls hat er sich durch seine Umtriebigkeit und Hartnäckig-keit im Verfolgen seiner Ziele deutlich in die Geschichte der Volkskunde,aber darüber hinaus auch der steirischen Kultur-, Museums- und Bildungs-landschaft eingeschrieben. Diesen vielfältigen Spuren zu folgen und dieHintergründe dazu etwas auszuleuchten, kann lohnen.1
Freilich muss auch 50 Jahre nach Gerambs Tod und nach zahlreichenBeschreibungen seines Lebensweges, nicht zuletzt aufgrund eines, wennauch kurzen autobiografischen Artikels, manches offen bleiben- auf rund100 Seiten haben auch nicht alle Aspekte dieses zutiefst fruchtbaren undreichen Lebensweges Platz.
Allemal faszinierend ist es aber, die Wegmarken eines Lebensweges ab-zuschreiten, der noch im ausklingenden 19. Jahrhundert seinen Anfanggenommen hat.
Möchte man Linien in Gerambs Arbeits- und Lebensweise bündeln, dannkönnten z. B. folgende drei Brennpunkte entstehen:
Das lebenslange Interesse des am 24. März 1884 im weststeirischenDeutschlandsberg Geborenen² an den Bauernhöfen der Steiermark undihren Besitzer( inne) n, an„ seinem“ klassischen Feld³ für Sammlung undForschung, das sich, schon zu seiner Zeit und vermehrt in den letztenJahrzehnten, fundamental wandelte. Diese auch emotionale Nähe zu denBauern drückt sich in der Betonung seiner mütterlichen Abstammung vonWölzertaler Bergbauern aus. Gerambs Großvater mütterlicherseits, derBezirksarzt Dr. Bartholomäus Knapp, wurde selbst beim vulgo Bruggerin Schönberg bei Niederwölz geboren. Auch Gerambs Verehrung für dendeutschen Kulturhistoriker und Statistiker Wilhelm Heinrich Riehl und des-sen Methode einer Kulturwissenschaft im Wandern, die er wohl auch beiseinem Lehrer und späteren Kollegen und väterlichen Freund Rudolf Me-ringer beobachten konnte, hat eine kindheitsbiografische Parallele: Durchdie Versetzungen des Vaters, der als Jurist der Verwaltungsbehörde, spä-ter als Bezirkshauptmann und Statthaltereirat arbeitet, muss die Familie öf-ter den Wohnort wechseln und Geramb wächst in verschiedenen Teilen derSteiermark auf, u. a. in Feldbach, Hartberg, Liezen und Judenburg sowie inGraz. Diese Nähe zum Bäuerlichen wird sich später auch seinem Habitus,seiner Sprache und seiner Kleidung aufprägen. In Feldbach passiert demFünfjährigen auch jenes folgenschwere Missgeschick mit einer Schere, die
GERAMB LEBEN 13