Druckschrift 
Volkskunst der Balkanländer : in ihren Grundlagen erläutert
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Schon hier fällt vielfach die Unbekümmertheit auf, mit der Ziereinheiten in ganz verschiedenenGrößenverhältnissen nebeneinandergesetzt werden, noch viel mehr tritt dies an den Bildgruppen derStickarbeiten hervor, wie noch auseinanderzusetzen sein wird.

Die Stilisierung der im Orient Glossar ::: zum Glossareintrag  Orient ja uralt herkömmlichen Muster dürfte etwa im 18. Jahrhundertfestgelegt worden sein.

Plattsticharbeit, die sich in vielen Belangen an die Wirkstickerei der Hemden anlehnt,mit Rauten- und Blütenrosettenmustern findet man an Schärpenenden einerseits in Südungarn,anderseits im griechischen Teile Makedoniens( Taf. X, 14).

Die in Stickerei verzierten Schärpen bilden im übrigen weitaus die Mehrheit in der ganzenGruppe, wobei wir zwei Untergruppen mit einiger Begründung voneinander unterscheidenkönnen, die aus dem Hauswerk und Hausgewerbe entsprungenen Arbeiten vorzugsweise imslawischen Binnengebiet der Halbinsel und die stärker vom westlichen Handelsgebiet beein-flußten Haremsarbeiten, Familienkunst und Damenarbeiten" zugleich, die sich in mehroder minder gleicher Ausprägung auch über die Levante, Kleinasien und Syrien verfolgenlassen[ 12, 30, 50].

_

Die ersteren werden durchgehends auf streifig gemusterten Geweben stärkerer Beschaffen-heit bei uns unter dem Namen bosnische Leinwand" bekannt ausgeführt, wobei einzelne Streifenauch in sehr feinfädigem Schuß gearbeitet sein können. Regelmäßig ist dies an den zur Aufnahme derStickerei bestimmten Enden der Tücher in Altserbien und Makedonien der Fall, da die feine mit Gitter-durchbrüchen, zartem Stilstich u. s. w. arbeitende Stichtechnik diese Verfeinerung voraussetzt. Die karpathen-ländischen Webereien dieser Art zeigen demgegenüber noch keinerlei solche Abänderung, so daß es imhohen Grade wahrscheinlich ist, daß diesen Tüchern die erwähnte Auszier ursprünglich fremd und erstaus dem Bereich der viel weiter verbreiteten Musselin- und Tüllstickereien der zweiten Gruppe auf sieübertragen worden ist. Diese letztere wird in der Regel auf feinem Batist oder musselinartig lockergewebten Stoffen angebracht und zeigt im einzelnen eine womöglich noch reichere Abwandlung der ohnehinvielgestaltigen Muster als die erste Gruppe, so daß bisher kaum irgend eine allgemeine Charakterisierungderselben versucht worden ist.

Unerschöpflich oder gar besonders vielfältig in ihren Vorwürfen sind die Muster aber keines-wegs; man tut am besten, sie auf Grund möglichst stilreiner Arbeiten in die geläufigen Stilstufender Weltkunst im Osten und Westen einzugliedern, was beim überwiegenden Teil nicht schwer fällt.Da läßt sich einmal die Gruppe der Musselinstickereien aussondern, die in der Regelauf ungebleichtem Grund mit zarten Farben sich vorfindet und den treppenartig gestuftenStilstich und eine Art Gitterstich bevorzugt, der aus der natürlichen Zusammenziehung deszarten Grundes bei Anwendung der Kreuzstichtechnik sich herausgebildet zu haben scheint.Bei solcher technischen Entsprechung ist es am leichtesten erklärbar, daß diese Arbeiten auch nachihrer Musterung, eckig verästelten Blütenzweigen mit und ohne Vasenfuß, abgeschlossen von Rankensäumenu. dgl. so sehr unseren feinen mitteleuropäischen und auch italischen Leinenstickereien in Kreuzstich zumalaus dem 17. Jahrhundert gleichen; sie stellen eben den gleichen Typus in orientalischer Glossar ::: zum Glossareintrag  orientalischer Ausprägung dar.Auch ihr Verbreitungsgebiet vorzugsweise im Bereich des Levantehandels, weniger in den Binnengebietenstimmt dazu, wenn man für sie ein von abendländischer Glossar ::: zum Glossareintrag  abendländischer Kunst gefördertes Hausgewerbe voraussetzt.

Aus zweiter Hand haben derlei Technik, wie oben vermutungsweise geäußert, die alt-serbischen Schmucktücher, Erzeugnisse des alt- bodenständigen Hausgewerbes der Frauen,übernommen, wobei neben reicheren Blütenstraußmustern, die allenthalben so auch in Ana-

-

tolien im 18. Jahrhundert dem Musterschatz dieser Technik einverleibt worden sein dürften, be-sonders die Architekturgruppen beliebt geworden sind, die ganz seltsam morgenländische Glossar ::: zum Glossareintrag  morgenländische Haus-formen mit Zypressenbäumen, Blumen und Vogelschmuck bildmäßig ohne Rücksicht auf Größe oderperspektivische Anlage zum reihenweise wiederholten Motiv vereinen( Taf. XI, 2; XV, 3).

Trotz ihrer weitgehenden Stilisierung sind auch diese Vorwürfe mit den architektonisch und figuralausgestatteten Landschaftsgründen und Szenen zu verknüpfen, die sowohl an italischen wie nament-lich an russischen Netzarbeiten in der Volkskunst die Malerei und Bild wirkerei( Gobelinarbeit) derhöheren Kunst seit dem 17. Jahrhundert ersetzen; ähnliches war ja auch im zeitgenössischen Fresken-schmuck Albaniens wie im kunstgewerblichen Zierstil überhaupt festzustellen[ 45].

Weitaus weniger mannigfaltig noch in ihren Grundtypen ist der Musterschatz der im großenund ganzen dem 18. und 19. Jahrhundert zuzuweisenden Plattstichstickerei, die hier geradeso gut wie in Europa vorzugsweise Blumenstreumuster und Blumensträuße in Töpfen,

48