Druckschrift 
Volkskunst der Balkanländer : in ihren Grundlagen erläutert
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

A. Die volkstümlichen Arbeiten.

1. Weibliche Handarbeiten aus groben Stoffen.

Wir gehen hier zunächst auf die gröberen Arbeiten aus Schaf- und Ziegenwolle ein.Das Stricken von Strümpfen und Socken ist eine in Südosteuropa und Vorderasien alt-verbreitete Übung( Taf. IX, 9, 11-15, 17-19).

Bildliche Darstellungen dieser Fußbekleidungen finden wir schon auf frühorientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag  frühorientalischen Denkmälern,den Arbeiten selbst begegnen wir unter den frühchristlichen Funden von Achmim in derselben eigen-artigen technischen Ausführung, die ihnen heute noch im dalmatinisch- bosnischen Verbreitungsgebiet eignet.Die Frauen bringen die bunten Dinger, an denen sie im Gehen, Sitzen und Stehen arbeiten, so weit sienicht für den Hausbedarf bestimmt sind, in den Basar, wo sie selbst sie an Markttagen verhandeln, oderzusammen mit Handschuhen und anderem an die zahlreichen ständigen Kurzwarenhändler verkaufen, bessergesagt gegen andere Ware tauschen.

Die weiteste Verbreitung besitzen dem Typus nach halblange Strumpfsocken( von der Adriabis in die Länder des Kaukasus und das Pamirgebiet in Mittelasien); sie scheinen die älteste im öst-lichen Mittelmeerbecken vorfindliche Form zu sein. An den bosnisch- dalmatinischen Stücken im besonderenhat L. Schinnerer[ 51] gehäkelte Einsätze im oberen Schaftteil nachgewiesen, die technisch vollkommeneÜbereinstimmung mit den oben erwähnten frühchristlichen Arbeiten zeigen; heute dienen sie vielfacheiner farbigen Zierstickerei in sorgsamst ausgeführtem Kettelstich als Unterlage; auch Schnurbenähung kommtan den Schäften vor und endlich werden diese auch aus Tuchmosaik, verziert mit farbiger Kettelstich-stickerei hergestellt. Ferner kommen im ganzen nördlichen Gebiet der Halbinsel gamaschenartige langeStrumpfsocken vor, dagegen scheinen kurze Vorsocken ohne Schaft auf den illyrischen Westenbeschränkt zu sein.

Sämtliche Arbeiten sind bunt gemustert, die einfachsten sind Rautenmuster, Geflecht und Haken-muster, ferner streifenförmige Muster, Zackenbänder, der laufende Hund, S- Spiralen u. s. w., urtümliche, derWirktechnik entlehnte Vorwürfe, die vorzugsweise einerseits im illyrischen Westen einschließlich Albaniensund Alt- Serbiens, anderseits wieder im Kaukasus sich erhalten haben.

Serbien, Bulgarien und Rumänien bevorzugt schon reichere und vielseitigere Teppichmuster",verstreute Blütensterne u. s. w., wenn nicht gar ganz neuzeitliche naturalistische Blumensträuße u. dgl.Im westlichen Küstengebiet, Albanien und Alt- Serbien werden die Vorsocken auch hübsch mit Kettel-stickerei verziert, wobei vielfach sehr alte, sinnbildliche Ziermotive, Räder und Wirbel verwendet werden.In der gleichen Technik werden ferner auch Handschuhe und Fäustlinge ausgeführt, dievon der Adria bis weit nach Osteuropa einen herkömmlichen Bestandteil der Frauentracht bilden:auch sie offenbaren den gleichen Schatz an Ziermustern wie die Fußbekleidung.

In Webearbeit werden vorzugsweise die Gürtelbänder der volkstümlichen Tracht für Mannund Frau ausgeführt( Taf. IX, 1). Man bediente sich hiezu desselben Brettchenwebstuhls, wieer im Mittelalter noch in ganz Europa im Gebrauch stand[ 69].

Die Muster sind durchwegs längsstreifig angeordnet, das Grundgewebe wird außerdem mit farbigemWollgarn in Längsdurchzug gemustert.( Broschiert)[ 23]. Ähnliche Arbeiten sind über den ganzen OstenEuropas hin, besonders in den Karpathenländern, Rumänien u. s. w. zu verfolgen. Eine noch ältere Stufeder Zierweberei bildet die Arbeit mittels des Zettelwebstuhls, die schon aus Alteuropa belegbar, heute vonSchweden bis Chinesisch- Turkestan reicht. Sie wird allenthalben für Halfterbänder und Gurten angewendet,hat aber im Westen in Bosnien und Nordalbanien künstlerische Vollendung erreicht. Skutari war ein alt-berühmter Mittelpunkt für die handwerksmäßige Erzeugung fein gemusterter Seidenbänder( Strumpfbänderu. dgl.)[ 14, 8, 23].

Uralt ist ferner die Herstellung gewebter Satteldecken u. dgl. am aufrechten Webstuhl( Abb. 21) wieanderwärts auseinandergesetzt[ 23].

Eine Hilfstechnik, der dank der reichlichen Verwendung ihrer Erzeugnisse zur Auszier vonTrachtenstücken seit den Tagen des Altertums eine nicht unbedeutende Rolle im städtischen Hand-werk zufällt und die heute noch in Bulgarien ganze Ortsgruppen( Gabrovo, Kalofer, Pirdop, Samo-kov u. s. w., vgl. Jireček, Bulgarien S. 203) beschäftigt, die ihre Erzeugnisse weithin verhandeln,ist die Schnurklöppelei, Fransen- und Bortenmacherei, deren das römische Kulturlebenälterer Zeit sich zwar noch als unrömischer, orientalischer Glossar ::: zum Glossareintrag  orientalischer Kleidersitte dienstbarer Künste er-innert, die aber auch im Schneiderhandwerk des römischen Reiches schon Bürgerrecht erworbenhatten[ 38].

36