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Volkskunst der Balkanländer : in ihren Grundlagen erläutert
Entstehung
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II. Die textile Volkskunst.

Gesellschaftliche Gruppen und Unterschiede.

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eitaus durchgreifender als im Schmuck tritt der Gegensatz zwischen rein volkstümlichenArbeiten und städtischer Kunst- und Handwerksübung in der Textilarbeit zutage, die hier wieüberall im Orient Glossar ::: zum Glossareintrag  Orient vorab der Auszier der volkstümlichen und städtischen Trachten dient. Dabeizeigt die Tracht der Landbevölkerung namentlich die der Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag  Weiber nach Stoff, Schnittund Zierat eine viel altartigere Zurichtung als die städtische. Es geht dies darauf zurück, daßdie erstere ihre Ausschmückung in weitaus größerem Umfang dem Hausfleiß der Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag  Weiber ver-dankt, als diese, die fast ausschließlich das Erzeugnis der handwerksmäßigen Handfertigkeit männ-licher Basarschneider ist, wobei bezeichnenderweise der Schmuck der männlichen Tracht vielgrößeren Umfang annimmt als bei der schlichten Landbevölkerung. Wir sehen darin volksmäßigeund gesellschaftliche altererbte Unterschiede und Gegensätze, die aus den Tagen des Altertumsbis auf die heutige Zeit durchreichen[ 23].

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Die Volkstracht ist vielfach uraltes, wenn auch modisch teilweise umgestaltetes Gut jenerVölkerkreise, die teils im Norden der antiken Welt seit alters auf der Halbinsel sich seẞhaft ge-macht hatten wie die Illyrier und Thraker teils aus dem schon damals kulturverwandtenOsteuropa in gewaltigen Wanderungen vorrückend mit dem frühen Mittelalter im oströmischenReich sich Sitze erwarben, wobei in erster Linie die slawische Gruppe zu nennen ist wogegen

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im städtischen Handwerk Trachtenstücke und Techniken sich erhalten haben, die schon imklassischen Altertum sich Bürgerrecht auf diesem Boden erworben hatten und später nur noch ein-mal einer ihre Abstammung und Herkunft gleichsam von neuem unterstreichenden Orientalisierungverfielen.

Immerhin ist auch die ländliche Tracht in ihrer schneidermäßigen Zurichtung, wie anderwärtsauseinandergesetzt, durchaus nicht ausschließliches Erzeugnis des Hausfleißes geblieben[ 23].Daraus erklärt sich mancherlei Übertragung städtischer Zierkünste auch auf die ländlicheMode, so die Anwendung der Aufnäharbeit, der Litzen- und Bortennäherei, der Kettelstichstickerei,wie alles farbige Tuchmosaik, das in der Regel durch Ziersäume und Nähte in seiner Wirkung nocherhöht wird( Taf. XVI).

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Zu den Grundtechniken der weiblichen Handfertigkeit zählt vor allem das Strickenvon Socken, von Strümpfen und Fäustlingen aus farbigem Schafwollgarn, die Wirkarbeit bzw.Anfertigung von Schürzen, Tragtaschen auch von Decken, Teppichen und Kissenbezügen- WO-gegen die alte Zettelweberei für Gürtel auch von Männern geübt zu werden scheint. Zur Ver-arbeitung gelangt durchwegs naturfarbige oder auch gefärbte Schaf- und Ziegenwolle. AlthergebrachteHausarbeit ist ferner die Herstellung der leinenen Hemdröcke und ihre Auszier, sind auch die reichgezierten Schmucktücher aller Art, sowie auch leinene Schürzen in einzelnen Gebieten.

Der Ausdruck Leibwäsche" für alle derlei Leinentracht ist durchaus zu vermeiden, da es sich

hier eben um die einzige herkömmliche Gewandung schlechtweg handelt.

Auch hiefür ist zu betonen, daß ganz Ost- und Südosteuropa sowie Vorderasien und selbstnoch Mittelasien ein verhältnismäßig durchaus einheitliches Trachtengebiet vorstellen, in dem derTrachtenschmuck kulturgeschichtliche Beziehungen aller Art in buntem Hin und Wieder über weiteStrecken hin aufweist. Vor allem und wesentlich gilt dies von der Hemdstickerei, soweit nicht, wie' im Pamirgebiet, noch die Sitte vorherrscht, fertige gestickte Streifen, nach Form und Sinn dieunmittelbaren Vorbilder des Clavus, um die Schultern nach vorne zu herabhängen zu lassen.( Frdl.Mitteilung von Prof. Ficker, Graz).

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